Musikgeschichten #10

Special: Jessica

Zum Anlass meiner zehnten Musikgeschichte möchte ich heute einen kleinen Ausflug zu jenen Songs unternehmen, in denen mein Name vorkommt. In gewisser Weise ist es Fluch und Segen gleichermaßen, einen Namen zu haben, über den Musiker gerne und oft singen, das kommt natürlich auch auf den Song an.

Beginnen möchte ich die Reise bei meinen Eltern, denn ich gehöre tatsächlich zu den glücklichen Kindern, die nach einem Song benannt wurden. (Und ich bilde mir gerne ein, dass das letztendlich der Grund ist, warum ich so ein Musikgeek geworden bin.) Nun ist das mit dem Song so eine Sache, denn erstens kennt die schwedische Band Secret Service heute praktisch keiner mehr. Und zweitens haben meine Eltern eigentlich sogar beschissen, denn der Song trug den Titel “Ye-Si-Ca”, und ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob damit tatsächlich der Name gemeint war. Am Ende erzähle ich die Geschichte, wie mich meine Eltern nach einem Song benannt haben, in Wirklichkeit dann doch nicht so häufig, weil das nur peinliche Erklärungsversuche nach sich zieht.

Obwohl ich mit einem subjektiv betrachtet sehr schönen Namen gesegnet bin, hatte natürlich auch ich diese Phase in meiner Jugend, in der ich ihn einfach nur hasste. Das hängt in erster Linie damit zusammen, dass es die Intention meiner Eltern war, dass mein Name deutsch ausgesprochen wird, ich in der Realität aber fast ausschließlich mit der englischen Version angesprochen werde. Heute ist mir das gleich, doch als Kind ließ ich einmal unvorsichtig durchblicken, wie sehr ich die englische Version verabscheue – und lieferte so meinen Klassenkameraden einen Angriffspunkt. Auftritt Joshua Kadison mit “Jessie”. Wenn ich den Song heute höre, ballen sich meine Hände immer noch unwillkürlich zu Fäusten, denn da war dieser eine Junge in meiner Schule, der mich kontinuierlich damit aufzog. Vielleicht war es lieb gemeint, doch er hatte keine Ahnung, wie sehr er mich damit quälte.

Ein paar Jahre später entdeckte ich durch Zufall in der Musiksammlung meines Vaters das Instrumentalstück “Jessica” von The Allman Brothers Band und verliebte mich auf der Stelle. Irgendwie schien es mir nach den vorherigen Erfahrungen wie Schicksal, dass darin niemand sang, und damit entsprach dieser Song so viel mehr mir. Vor allem aber half mir das Stück über das Trauma hinweg, und fortan freute ich mich eigentlich immer, wenn ich einen neuen Song mit meinem Namen entdeckte.

Und dann kam er. Der Song. Die Hymne. Es war die Zeit, als gerade “Ally McBeal” im Fernsehen lief, deren Psychiaterin ihr irgendwann riet, sich eine Hymne zuzulegen. Ich fand die Idee zunächst reichlich albern und hatte keinerlei Absicht, mir auch eine zu suchen, denn welcher eine Song sollte schon meine schillernde Persönlichkeit in all ihren Facetten widerspiegeln? (Oder? Eben.) Da hatte ich die Rechnung allerdings ohne Madonna gemacht, die ein paar Jahre zuvor “Dear Jessie” herausgebracht hatte, was ich just zu diesem Zeitpunkt das erste Mal hörte. Und da war sie. Die Hymne. Nicht nur handelt es sich um einen Song mit meinem Namen, es ist zudem auch ein sehr schöner Song, der mein (unleugbares) inneres Kind feiert. Es ist der eine Song, der mich immer zum Lachen bringt, ganz egal wie schlecht gelaunt ich bin.

Übrigens, ja, ich sammle, falls ihr weitere Songs kennt.