The Orville | Mad Idolatry (1×12)

„I have seen you bleed. A god does not bleed.“

Kelly unterläuft auf einem fremden Planeten ein Fauxpas, durch den sie plötzlich zur Göttin einer ganzen Gesellschaft wird. Spoiler!

Die Crew der Orville geht dem Mysterium eines scheinbar aus dem Nichts auftauchenden Planeten auf den Grund. Beim Besuch der Planetenoberfläche hilft Kelly einem einheimischen Kind und wird dabei beobachtet – was Mercer in seinem Bericht wohlweislich verschweigt. Sie finden heraus, dass der Planet abwechselnd in zwei verschiedenen Dimensionen existiert, und als er nach elf Tagen zurückkehrt, sind dort 700 Jahre vergangen und Kellys kleiner Fehler hat sich zur Religion entwickelt.

Was für eine großartige Folge! Ich würde argumentieren, dass es die bei weitem beste der Serie ist – und dennoch fühlt es sich nicht nach einem Staffelfinale an. Das Tempo ist ungewöhnlich langsam, die ganze Stimmung sehr ruhig, es gibt keinen großen Knall, sondern im Gegenteil eine sehr nachdenkliche Geschichte über Religion und Evolution. Es sind Storys wie diese, die dafür gesorgt haben, dass ich mich damals als Kind in das Genre Science-Fiction verliebt habe, denn sie halten unser eigenen Gesellschaft den Spiegel vor.

Die Nichteinmischung in Kulturen, die noch nicht den Weltraum bereisen, spielte schon bei der großen Schwester „Star Trek“ stets eine gewichtige Rolle. Es ist unberechenbar, wie Leute auf eine offensichtlich höher entwickelte Spezies reagieren, genauso gut hätten die Einheimischen mit Stöcken auf Kelly losgehen können. Wie leicht es ist, zu einem göttlichen Wesen hochstilisiert zu werden, sollte einem wohl zu denken geben, ebenso die Tatsache, dass nicht einmal die Göttin selbst am Ende in der Lage ist, ihre Religion zu zerschlagen. Es war aufschlussreich, dass sie zwar das Oberhaupt der Kirche überzeugt, dieses dann aber sofort ermordet wird – aus Gründen des Machterhalts.

„Mad Idolatry“ macht aber auch Mut, denn als die Gesellschaft des Planeten schließlich das Raumfahrt-Zeitalter erreicht und der Crew der Orville als Gleichgestellten gegenübertritt, erklärt Fadolin: „Our planet worshiped you as a deity for many centuries. But had it not been you, the mythology would’ve found another face. It’s a part of every culture’s evolution. It’s one of the stages of learning.“ Das macht nicht richtiger, was Kelly getan hat, aber es nimmt die Last von ihren Schultern, dass sie die Entwicklung der Gesellschaft in eine Richtung gedrängt hat, die sie allein nicht eingeschlagen hätte. Religion gehört zur Entwicklung einer Gesellschaft dazu, um Dinge zu erklären, die sie noch nicht verstehen kann. Ich bin ehrlich gesagt erstaunt, dass „The Orville“ den Mut besitzt, damit recht deutlich zu sagen: Eine fortschrittliche Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie keine höheren Wesen anbetet. (Ein Punkt, über den man streiten könnte und der deshalb vielleicht einigen Zuschauern bitter aufstößt, aber in seiner Konsequenz doch bewundernswert.)

Die stillen Phasen, in denen sie jeweils auf die Rückkehr des Planeten warten, nutzen Ed und Kelly dazu, ihre Beziehung neu zu definieren. Es stand zu befürchten, wenn man zwei Ex-Partner auf demselben Schiff stationiert, dass sie irgendwann wieder ein Paar werden, und anfangs sieht es auch wirklich danach aus. Kelly erkennt aber, dass Eds Beschützerinstinkt ihre professionelle Beziehung zerstört und ihn zu einem schlechteren Captain macht. Die Art und Weise, wie sie auseinandergehen, ist bittersüß, denn sie haben ganz offensichtlich noch starke Gefühle füreinander, es ist aber auch erzählerisch die bessere Entscheidung. Ich zumindest war nicht scharf auf ein Ehepaar, das ein Schiff kommandiert, und wer weiß, vielleicht nutzt Kitan in der nächsten Staffel ja ihre Chance.

„Hi, we’re the fashion police and these outfits have got to go.“ Noch jemand, der es unfassbar traurig mit anzusehen fand, wie Ed von Tür zu Tür geht und keiner Zeit für ihn hat? (Außer Bortus und Klyden mit ihrem komischen Drink und dem abartigen Spiel.) Mir gefiel die Idee des Planeten, der in zwei Dimensionen existiert, aber bei dem Tempo sind die Bewohner in spätestens zwei Monaten selber gottgleich, oder?

Rückblickend hat sich die erste Staffel von „The Orville“ zweifellos in eine andere Richtung entwickelt, als es anfangs den Anschein machte. Nicht jede Folge war auf den Punkt, einiges war sicher auch diskussionswürdig, doch alles in allem wurde uns eine in sich stimmige Staffel präsentiert. Ich werde an dieser Stelle nicht auf den Wagen derer aufspringen, die „The Orville“ für wesentlich besser halten als „Star Trek: Discovery“, denn wenn die letzten Wochen eines gezeigt haben, dann doch, dass die beiden Serien nicht einmal ansatzweise miteinander vergleichbar sind. Für die inzwischen bestellte zweite Staffel würde ich mir sogar wünschen, dass man sich noch ein gutes Stück weiter vom Vorbild „Star Trek“ entfernt, vor allem aber auf die allzu pubertären Gags verzichtet, die den guten Eindruck leider allzu oft stören.

5 von 5 als göttlich angebeteten Bananen.

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