The Handmaid’s Tale | Birth Day (1×02)

„I’d like to play a game with you.“


Eine Geburt steht an – sowohl für die Mägde als auch für die Ehefrauen ein großer Tag voller Rituale. Spoiler!

You want a cookie, dear?

Janines Niederkunft steht kurz bevor, und so werden sämtliche Mägde zu ihr gebracht, um ihr bei der Geburt beizustehen. Die Freude über ein gesundes Mädchen ist groß, währt für Janine aber nur kurz, denn sie muss das Baby sofort an die Frau ihres Kommandanten abgeben. June erhält derweil eine Einladung zu einem heimlichen Stelldichein mit ihrem Kommandanten – bei dem sie völlig überraschend mit ihm Scrabble spielen soll.

Domestizierte Frauen

Es ist unheimlich interessant, wie sehr sich meine Wahrnehmung der Mägde in der Serie von der im Buch unterscheidet. Dort hatte ich das Gefühl, dass sie zu Gegenständen degradiert wurden, zu Interieur ohne Seele. Die Serie hingegen spielt damit, sie als Haustiere zu porträtieren. Das beginnt während Janines Niederkunft, wenn Tante Lydia sie „good girl“ nennt, und findet seine Fortsetzung, als June von den Ehefrauen einen Keks angeboten bekommt und diese dann vor ihr ihre Bewunderung darüber ausdrücken, wie gut erzogen sie doch ist. Ich sprach bereits darüber, dass diese Frauen, alle Frauen den letzten Rest Macht ausnutzen, den sie noch haben. Aber was geht tatsächlich in den Ehefrauen vor? Haben sie vergessen, dass die Mägde auch Menschen sind und Gefühle haben?

Der Anfang vom Ende

Das Gefühl der zum Untergang geweihten Spezies Mensch war in dieser Folge überwältigend. Am stärksten vielleicht während des Flashbacks zu Hannahs Geburt in einem völlig verlassenen Krankenhaus, als June im Raum mit all den leeren Kinderbettchen steht. Schon damals deutete sich an, dass die Menschen ein gewaltiges Problem haben, und schon damals gab es verzweifelte Frauen, die anderer Leute Babys stahlen. Die Frage, die man sich unweigerlich stellt, wenn man sieht, wohin sich die Menschheit entwickelt hat, um ihr eigenes Verschwinden aufzuhalten, lautet: Wofür? Die eigene Art auf Kosten der Menschlichkeit zu erhalten, scheint erschreckend sinnlos.

Wissenschaft wird Magie

Gleichzeitig erfährt alles, was mit Fruchtbarkeit, Empfängnis und Geburt zu tun hat, eine Ritualisierung, die geradezu lächerlich wirkt. Die monatliche „Vergewaltigung“ der Magd könnte kaum unsexier sein, wird aber von einem gewaltigen Brimborium begleitet, in das der gesamte Haushalt miteinbezogen wird. Und bei der Geburt eines Kindes wird das Schlafzimmer mit lauter Mägden vollgestopft, die der Gebärenden Mut zusprechend sollen, während die Ehefrauen im Wohnzimmer das Ganze imitieren und sich dabei scheinbar noch nicht mal albern vorkommen. Die Ernsthaftigkeit, die hinter diesen Ritualen steckt, ist das, was eigentlich erschreckend ist, denn sie zeigt, dass man nicht mehr weit davon entfernt ist, wieder von Magie zu sprechen.

„It’s forbidden for us to be alone with the commanders. We aren’t concubines. We’re two-legged wombs.“

Geheime Freuden

Dazu passt auch, dass den Frauen Bildung und Wissen verwehrt wird und auf diese Weise eine fast religiöse Bedeutung erfährt. Junes verstohlene Blicke zu den vielen Büchern, als sie das Arbeitszimmer des Kommandanten betrifft, spricht Bände. Oder ihre liebevolle Berührung der Buchstaben beim Scrabble. Es ist erstaunlich, wie sehr sie dadurch auftaut, dass sie nach so langer Zeit plötzlich wieder wie eine Person behandelt wird – man kann es sehen, wenn sie am Folgetag das Haus verlässt und den Blick einmal nicht gesenkt hält. Die Motive des Kommandanten aber bleiben im Dunkeln. Will er ihr helfen oder holt er sich bei June nur, was er (aus welchen Gründen auch immer) von seiner Frau nicht bekommt? Nutzt er sie aus? Und kann sie das vielleicht auch ausnutzen?

Kleine Beobachtungen

• Laut Ofglen existiert ein Netzwerk, eine Art Widerstand. Nick warnt June davor, Ofglen zu nahe zu kommen, aber tut er das, weil er ein Auge ist oder weil er sich ernsthaft um ihre Sicherheit sorgt? Immerhin verschwindet Ofglen kurz darauf.
• Janine rutscht heraus, dass sie schon einen Sohn hat. Dass sie doch noch helle Momente in ihrem Wahnsinn hat, ist fast trauriger, als wenn sie einfach komplett entrückt wäre.
• Man vergisst so schnell, dass die Serie in der heutigen Zeit spielt. Deshalb wirkt Simple Minds’ „Don’t you (Forget about me)“ fast fehl am Platz.

5 von 5 Scrabble spielenden Bananen.

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