The Handmaid’s Tale | Jezebels (1×08)

„Everyone is human after all.“


Der Kommandant führt June aus, und so lernt sie die lasterhafte Welt der Jezebels kennen. Spoiler!

Tonight I’m taking you out
Der Kommandant hat besondere Pläne für June: Er besorgt ihr ein aufregendes Paillettenkleid und Make-up, denn er möchte die Abwesenheit seiner Frau nutzen, um seine Magd auszuführen. Er bringt sie in ein verruchtes Etablissement, wo jene Frauen, die unfruchtbar oder in Ungnade gefallen sind, als Amüsiermädchen arbeiten. Und ausgerechnet dort trifft June überraschend Moira wieder.

Die Doppelmoral der Männer
Dieses Kapitel der Geschichte hat mich schon bei der Lektüre des Buches entsetzt – die Art und Weise, wie es hier mit der fragwürdigen Moral jener Männer verknüpft wird, die angeblich zum Wohle der Frauen die Gesellschaft auf den Kopf gestellt haben, verleiht ihr jedoch einen noch weitaus bittereren Beigeschmack. Dieselben Männer, die den Frauen vorwerfen, in ihrem Wunsch nach Bildung und Selbstständigkeit gottlos gehandelt zu haben, schaffen sich eine Lücke im System, einen Ort, an dem Frauen für sie gottlos sind. Wer es nicht schon längst geahnt hat, erhält spätestens jetzt den Beweis, dass sie niemals wirklich an das geglaubt haben, was sie predigen – sie wollten einfach nur Macht.

Alles eine Frage des richtigen Marketings
Einer der vielleicht entlarvendsten Momente der Serie findet in einem Flashback statt, als einige Kommandanten im Auto über die Formalitäten der Magd-Idee sprechen. „We can’t afford all that window dressing. The human race is at risk. What is important is efficiency“, erklärt Guthrie und beerdigt damit jeden Versuch, die Frauen wie Menschen zu behandeln. Doch wir erfahren, es ist am Ende alles nur ein Marketing-Problem, und damit die Ehefrauen die Konkubinen dulden, schlägt Waterford vor, die monatliche Vergewaltigung nicht „Akt“ zu nennen, sondern „Zeremonie“. Problem gelöst, gehen wir essen. Das Maß an Verachtung, das daraus spricht, ist verstörend.

Waterford: „’Act’ may not be the best name, from a branding perspective. ‘The Ceremony’?“
Guthrie: „Sounds good. Nice and Godly. The wives would eat that shit up.“

Ein kollektives Geheimnis
Dass wir sehen, wie die letzte Offred erhängt in ihrem Zimmer gefunden wurde, bringt uns nur wenig neue Informationen, sehr viel interessanter ist das Gespräch zwischen dem Kommandanten und seiner Frau hinterher! „What did you think was going to happen?“ klingt für mich stark danach, dass Serena sehr gut weiß, was ihr Mann mit den Mägden anstellt. Doch wieso schenkt sie June die Spieluhr? Ist es ihr ungeschickter Versuch, Nähe herzustellen, damit die Eskapaden ihres Mannes nicht dazu führen, dass erneut eine Magd den Freitod sucht?

Anpassung als Überlebensstrategie
Wir erhalten aber auch einen Einblick in Nicks Vergangenheit, die anders aussieht, als man sich das vielleicht vorgestellt hat. Er stammt aus einer hart arbeitenden Familie, die schlicht vom Glück verlassen wurde. Nicks Berater bei der Arbeitsvermittlung stellt sich als einer der Gründerväter Gileads heraus und macht Nick mit den „Söhnen Jakobs“ bekannt. Nick wird Teil der Bewegung, weil er Arbeit braucht, und er steigt zum Auge auf, weil er früh lernt, wann er sagen muss, was die Leute hören wollen, und wann er besser die Klappe hält. Er versucht einfach nur, das Beste aus der Situation zu machen, und es ergibt Sinn, dass er June auf Abstand zu halten versucht, weil er sie in Gefahr bringt.

„We’re alone, June. Just take care of yourself.“

Jeder für sich
Dass June an Nick festhält, obwohl sie jetzt sicher weiß, dass Luke noch lebt, spricht sehr für meine These, dass die beiden keine gemeinsame Zukunft mehr haben. Ich bin überzeugt davon, dass June ihren Mann noch immer liebt, aber ich glaube auch, dass sie ahnt, dass es für sie zu spät ist, dass sie nie mehr ein normales Leben wird führen können. (Auch deshalb lautet ihre Nachricht nicht „rette mich“, sondern „rette Hannah“.) Und Moira bestärkt sie darin, als sie June sagt, dass sie Luke nicht mit sich selbst vergleichen kann. Ihm ginge es selbst dann besser als ihr, wenn er in Gilead geblieben wäre. Das Ganze impliziert natürlich noch etwas ganz anderes: Ist tatsächlich die ganze Welt von der Unfruchtbarkeit betroffen, dann gibt es keinen Ort mehr, an dem Frauen wie June sicher wären.

Kleine Beobachtungen
• Die Szene, in der sich June für den Kommandanten schminkt und er ihr die Beine rasiert, ist einfach nur furchtbar unangenehm. Interessant daran ist, dass im Buch die Ablehnung jeder Form von Eitelkeit thematisiert wird, die Mägde rasieren also auch ihre Beine nicht mehr.
• Über die Ohrclips der Mädge könnte man ganze Abhandlungen schreiben, sie sind der sichtbare Beweis dafür, dass man in ihnen wenig mehr als Tiere sieht. Wie treffend, dass der Kommandant ausgerechnet Junes Ohrclip liebkost!
• Perfekte Songauswahl für den Moment, als June die Welt der Jezebels betritt: „White Rabbit“ von Emiliana Torrini. Sie muss sich wirklich wie Alice im Wunderland vorkommen, die orientierungslos den Kaninchenbau hinabfällt. (Ein Typ dort „spielt“ sogar die Zeremonie nach – als Dreier.)

5 von 5 aufgetakelte Bananen.

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