Westworld | Virtù e Fortuna (2×03)

„The world out there is marked by survival, by a kind who refuses to die. And here we are. A kind who will never know death, and yet we’re fighting to live. There is beauty in what we are. Shouldn’t we too try to survive?“


Dolores und ihre Armee rüsten sich zum Kampf, als sie mit ihrem Vater wiedervereint wird. Spoiler!

She has a dragon!
Als Peter Abernathy und Bernard unverhofft den Konföderierten in die Hände fallen, wird Dolores mit ihrem Vater wiedervereint. Da der aber unter der Last der Daten mehr und mehr den Verstand verliert, bittet sie Bernard, ihn zu reparieren, bevor Abernathy auch schon von Charlotte Hale und einigen Delos-Soldaten entführt wird. Maeve, Hector und Lee treffen derweil Armistice wieder, die auch Felix und Sylvester in ihrer Gewalt hat.

Ein spürbarer Einbruch im hohen Niveau
„Westworld“ ist eine jener Serien, denen scheinbar mühelos das Kunststück gelingt, ein kontinuierlich hohes Niveau zu halten. Doch über kurz oder lang musste es sich wohl bemerkbar machen, dass das wöchentliche Format eigentlich nicht der eher literarischen Erzählweise entspricht. Während die Figuren in „Virtù e Fortuna“ also physisch vorankommen, hat uns die Folge ansonsten nur wenig zu sagen. Manch einer würde von Füller sprechen, als Autorin weiß ich aber, dass solche Passagen zuweilen nötig sind, um die Story weiterzutreiben. Gemessen daran, was uns die Serie bisher geboten hat, fällt diese Folge aber dennoch spürbar ab, weil sie einfach sehr unelegant erzählt ist.

Bernard: „What do you want, Dolores?“
Dolores: „To dominate this world.“
Bernard: „This world is just a speck of dust sitting on a much, much bigger world. There’s no dominating it.“

Eine müßige Diskussion über Geschichtsklitterung
Der beste Part ist zweifellos die etwa zehnminütige Eröffnungssequenz, die völlig unabhängig vom Rest der Episode funktioniert und uns in Park 6 entführt, der den offiziellen Namen Raj trägt und das koloniale Indien repräsentiert. Einige Rezensenten haben bereits ihr Erstaunen darüber ausgedrückt, dass ausgerechnet dieses Setting für einen Vergnügungspark gewählt wurde, doch wenn man darüber nachdenkt, ist es nur logisch. Sicher, es ist soziokulturell betrachtet ein dunkler Fleck in der Geschichte – der weiße Mann, der sich von indischen Sklaven bedienen lässt und seine Abenteuerlust bei der Jagd auslebt. Aber diese Parks sind dazu da, Fantasien auszuleben – und dafür wählt man nun einmal Szenarien, die möglichst weit von der Lebensrealität der Kunden entfernt sind. Abgesehen davon finde ich die ganze Diskussion, die sich regelmäßig um solche Themen entwickelt, einfach müßig. Das ist Geschichte, es ist passiert, und sie verschwindet nicht, indem wir sie ignorieren. (Zumal andere Teile der Geschichte ad nauseam wiedergekäut werden, nur um Menschen noch Generationen später ein schlechtes Gewissen einzuimpfen.) Statt also Bücher zu verteufeln, umzuschreiben oder zu verbieten, die in jenen „bösen“ Epochen spielen (in diesem Fall wurde vermehrt Rudyard Kipling angesprochen), sollte man vielleicht einfach auf den gesunden Menschenverstand vertrauen, der durchaus zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden in der Lage ist.

Der Unterschied zwischen real und echt
Da mich das Setting in keiner Weise gestört hat (und ich es nur ansprechen wollte, weil es andernorts solchen Wirbel verursacht hat), konnte ich mich auf einige der interessanteren Aspekte dieser Sequenz konzentrieren. Es ist zum Beispiel äußerst aufschlussreich, wie hier mit dem Verständnis von „Realität“ gespielt wird, worüber auch schon William und sein Schwiegervater in „Reunion“ gesprochen haben. Die Hosts werden den Gästen als reales Erlebnis angepriesen, aber Realität hat in diesem Fall mehrere Abstufungen. Die Gäste können die Hosts anfassen, mit ihnen schlafen, sie töten. Das ist ein reales Erlebnis, aber es ist nicht echt. Das ist es, was Grace und Nicholas aneinander anzieht. Grace greift zu derart drastischen Mitteln, um herauszufinden, ob Nicholas ein Gast oder ein Host ist, weil sie sichergehen will, dass sein Interesse an ihr nicht nur einer Programmierung entspringt, ihr Freude zu bereiten. In gewisser Weise wirkt die Bestätigung, dass sein Interesse echt ist, dass er sie wirklich will, als Aphrodisiakum. Was freilich die Frage aufwirft, warum sie überhaupt erst diesen Ort aufsuchen, der ihrer beider Empfinden nach nicht „echt“ ist.

„The truth is, we don’t all deserve to make it.“

Warum sind alle Parks betroffen?
Die Mechaniken hinter den Parks sind für mich nach dieser Folge indes undurchschaubarer denn je. Es war bereits vor Start dieser Staffel bekannt, dass wir mindestens einen anderen Park sehen werden, dennoch kam mir nie in den Sinn, dass sie alle von den Umwälzungen betroffen sein könnten. War Robert Ford für alle Parks zuständig? Es ist offensichtlich, dass Lee Sizemore ausschließlich für Westworld geschrieben hat, also muss es noch andere Autoren geben, die Storylines für die anderen Parks entwickeln. Wie passt Ford da rein? Wieso beeinflusst seine für Westworld geschriebene Storyline auch die anderen Parks? Oder war das irgendeine Art von Kettenreaktion? Sind am Ende unabhängig voneinander in allen Parks einzelne Hosts zu Bewusstsein gelangt?

Das Mysterium Peter Abernathy
Tatsache ist, was derzeit in Westworld passiert, ist vergleichsweise uninteressant. Dolores hat sich eine Armee angeschafft, die den Delos-Soldaten entgegentritt, die nun endlich auch aufgewacht sind. (Der eigentliche Zeitverlauf ist durch die verschiedenen Zeitlinien nur schwer nachvollziehbar, aber sicher sind jetzt schon zwei bis drei Tage vergangen, seit Dolores Ford erschossen hat, oder?) Ich bin ohnehin kein Fan großer Schlachten, aber dieser Kampf war darüber hinaus auch sehr lieblos inszeniert und derart chaotisch, dass ich praktisch keine Idee habe, was passiert ist. Und Dolores opfert die Konföderierten … aus Gründen?

Ein Highlight war dagegen das Wiedersehen mit Peter Abernathy, denn sein Zustand wirft natürlich Fragen auf. Er war der erste Host, der Anzeichen von eigenem Bewusstsein zeigte, aber es wurde nie ganz geklärt, bis zu welchem Grad das fortgeschritten war, bevor man ihn abschaltete. Die Vorstellung, dass man seinen in der Bewusstwerdung begriffenen Geist unter einer gewaltigen Menge von Daten begraben hat, ist furchtbar und macht es nur allzu nachvollziehbar, warum er mehr oder weniger den Verstand verliert. Wir Zuschauer erfahren noch immer nicht, worum es sich bei diesen Daten handelt, Bernard aber findet es heraus und ist sichtlich schockiert. Aber hat er die Daten nur gesehen, kopiert oder sogar komplett aus Abernathy entfernt, bevor die Soldaten ihn abgeholt haben?

Ganz am Rande wird aber auch noch ein anderes, ziemlich faszinierendes Rätsel aufgemacht. Wir wissen bereits, dass selbst ein Host, der sich seiner selbst und seiner Situation vollauf bewusst ist, seine Programmierung nicht vollständig ablegen kann. Dolores wandelt auf den Pfaden von Wyatt, das kann sie sich nicht schönreden. Aber ist es nur ein Überbleibsel ihrer Programmierung, dass sie in Peter Abernathy ihren Vater sieht? Ihr muss klar sein, dass er nicht wirklich ihr Vater ist, dass sie beide lediglich Teil einer Storyline waren. Sind es echte Gefühle, die sie ihm entgegenbringt, eine Liebe, die über ihre physische Existenz hinausgeht? Immerhin stellen wir auch nicht in Frage, dass Maeve ihre Tochter liebt, obwohl auch sie nur eine Story für die Gäste war.

„You told me once to run away, and I did. I broke free with the pull of a trigger. And it started a war. The others, they don’t understand yet.“

Der Autor und seine Figuren
Maeve kommt auch diesmal wieder viel zu kurz, zumal der ganze Plot, wie sie zufällig Armistice treffen, ein wenig zu gefällig wirkt und sehr nach nachlässigem Schreiben schmeckt. Nichtsdestotrotz ist ihre Beziehung zu Lee wirklich interessant, denn beiden dürfte zu diesem Zeitpunkt klar sein, dass er ihnen keine Hilfe ist. Er scheint sich im Park fast noch weniger auszukennen als die Hosts, immerhin landen sie am Ende in Shogunworld, ohne dass er es merkt! Das unterstreicht aber nur mein Argument, dass Maeve Menschen nicht nur deshalb verschont, weil sie ihr von Nutzen sind (siehe Felix), sondern weil sie sie als eigenständige Persönlichkeiten begreift, die Fehler haben können, ohne automatisch ihr Feind zu sein. Dass sich Lee darüber echauffiert, dass Maeve und Hector eine Beziehung entwickelt haben, die er nicht in ihre Programmierung geschrieben hat, findet sie deshalb auch eher amüsant. Sie liest daraus seine eigene traurige Geschichte und empfindet vielleicht sogar so etwas Mitleid für ihn, weil er im Gegensatz zu ihr sein Leben nicht in die eigene Hand nimmt, sondern sich stattdessen in Fantasien flüchtet. (Auf mich als Autorin macht gerade das vermutlich mehr Eindruck als auf den durchschnittlichen Zuschauer.)

These violent Delights have violent Ends
• Nun wissen wir endlich auch, woher der Tiger in „Journey into Night“ kam. Und Grace sehen wir wahrscheinlich wieder?
• Auch Clementine lebt noch. Also so einigermaßen, sie wirkte auf mich eher wie ein Zombie.
• Dass Teddy die Konföderierten verschont, wird ihn unter Garantie noch in Schwierigkeiten bringen. Die Frage ist eher, ob vonseiten Dolores’ oder der Konföderierten.

3 von 5 echten Bananen.

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