Westworld | Akane no mai (2×05)

„You try writing 300 stories in three weeks.“


In Shogunworld werden Maeve, Hector und Co. in eine Storyline hineingezogen, die ihnen ausgesprochen bekannt vorkommt. Spoiler!

Shit! Ninjas! Oh, fucking hell!
Maeve und ihre Anhänger werden in Shogunworld vom Ronin Musashi gefangengenommen, der sie mit zu einem Überfall eines Geisha-Hauses mitnimmt. Dort lernen sie Akane kennen, deren Ziehtochter Sakura der Shogun wenn nötig auch gewaltsam in seinen Besitz bringen möchte. Maeve, die sich selbst in Akane wiedererkennt, entwickelt einen cleveren Plan, um Sakura zurückzuholen. Während Maeve auf diese Weise die Zahl ihrer Mitstreiter erhöht, gibt Dolores ihren treuesten Anhänger Teddy auf.

Zwei verwandte Seelen
Nachdem wir Maeve und ihre ungleiche Truppe in „The Riddle of the Sphinx“ schmerzlich vermisst haben, ist „Akane no Mai“ ganz klar ihre Folge. Und was mit der amüsanten Erkenntnis beginnt, dass Lee Sizemore einzelne Storylines gleich mehrfach verwendet hat, entwickelt sich zu einer faszinierenden Studie über zwei starke Frauen, die gewissermaßen vom gleichen Punkt aus starten und aus eigener Kraft über ihre festgeschriebene Story hinauswachsen. Dabei ist Akane weit mehr als Maeves Spiegelbild, obwohl uns die Parallelen die ganze Folge über begleiten.

Inwieweit Akane bereits ein eigenes Bewusstsein entwickelt, lässt die Folge indes bewusst offen, wenngleich die Tatsache, dass sie sich von ihrer von Lee geschriebenen Handlung lösen kann, doch sehr dafürspricht. Von weit größerer Bedeutung ist ohnehin, dass Maeve sie (anders als Dolores) nicht nur als Werkzeug betrachtet, bloß weil sie sich an einem anderen Punkt ihrer Entwicklung befindet. Maeve ist in der Lage, durch die narrative Schicht hindurchzublicken und die Hosts, ob bewusst oder nicht, als Personen zu sehen. Sie bietet Akane zwar an, sie zu befreien, doch als diese zurückschreckt, akzeptiert sie ihre Entscheidung ohne Diskussion oder verletzte Gefühle.

Und das ist eine wichtige Beobachtung, denn wenn sie Gewalt anwendet, geschieht das immer aus der Notwendigkeit heraus, nicht aus Grausamkeit. Mit ihrer „neuen Stimme“, also ihrer Fähigkeit, anderen Hosts durch reine Gedankenkraft Befehle zu erteilen, ist sie die bei weitem mächtigste Person im Park und sich dessen auch vollauf bewusst. Trotzdem verfolgt sich nicht Dolores’ Ziel, über alle zu herrschen, sondern folgt auch weiterhin ihrem Herzen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sie sich weiterentwickelt, wo Dolores zu stagnieren scheint.

Lee: „He took one look at you and self-impaled. How did you do that?“
Maeve: „I don’t know.“
Lee: „That was no voice command.“
Maeve: „I think I’m finding a new voice.“

Vom Westen in den Osten
Shogunworld als Setting ist auf jeden Fall eine willkommene Abwechslung, denn am Ende kann ich mich mit Samurai-Klischees dann doch eher anfreunden als mit den typischen Western-Themen. Und obwohl Lee eine Idee aus Westworld hier zweitverwertet hat, wird sie allein durch die Grundstruktur dieser Welt ganz anders ausgespielt, was faszinierend zu beobachten ist. Die Entscheidung, sämtliche Figuren aus Shogunworld ausschließlich Japanisch sprechen zu lassen und die Dialoge zu untertiteln, erinnert mich indes ein wenig an die ganze Diskussion rund um die Klingonen in „Star Trek: Discovery“. Ja, es ist anstrengend, trägt gleichzeitig aber auch entschieden zur fremdartigen Atmosphäre dieser für uns neuen Welt bei. Darüber hinaus wäre es anders wohl auch um einiges mühsamer gewesen, den Sprung deutlich zu machen, wenn Maeve die Sprache annimmt und auf diese Weise das Vertrauen von Akane gewinnt.

Von der Heldin zum Bösewicht
Derweil frage ich mich immer mehr, was die Autoren mit Dolores vorhaben. Angesichts der Mühe, die in der ersten Staffel darauf verwendet wurde, sie zur Heldin der Geschichte zu machen, erscheint es geradezu widersinnig, sie nun in die undankbare Rolle des Bösewichts zu drängen. Aber vielleicht ist es genau das, vielleicht ist Fords letzte Story die posthume Rache an Arnold und seinem ehrgeizigen Ziel, Hosts zu erschaffen, die den Menschen ebenbürtig sind. Denn Dolores ist sich zwar ihrer selbst bewusst, aber offenbar nicht in der Lage, den ihr vorgezeichneten Pfad zu verlassen. Wollte man böse sein, könnte man sogar behaupten, dass Dolores längst tot ist. Sie ist noch vor Ford gestorben, und was nun mit ihrem Gesicht herumläuft, ist in der Tat nur noch Wyatt. Wyatt aber hat den steinigen Weg zur Bewusstwerdung nicht beschritten, sondern profitiert lediglich davon – das würde erklären, warum sie dieses Geschenk und die anderen Hosts so wenig wertschätzt.

„And if you’re asking if you can trust Akane, the real question is if you can trust yourself.“

Leere Köpfe
Ganz am Rande erhaschen wir aber auch noch einen kurzen Blick in die „Gegenwart“, gute zwei Wochen nach dem Aufstand. Karl Strands Leute sind offenbar gerade dabei, sämtliche Hosts aus dem See zu bergen und den See trockenzulegen. Das eigentlich Interessante aber ist der Kommentar eines der Ingenieure, der die Hosts untersucht und dabei feststellt, dass bei einem Drittel von ihnen sämtliche Daten gelöscht wurden. Und zwar so radikal, dass es so aussieht, als hätte es niemals Daten gegeben. Ich muss gestehen, zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann ich nicht einmal darüber spekulieren, was das bedeutet. Vermutlich hat es irgendetwas damit zu tun, dass Bernard sie angeblich alle getötet hat. Irgendetwas an den Daten muss so gefährlich gewesen sein, dass er es für nötig hielt, sie zu löschen. Seine eigenen eingeschlossen.

These violent Delights have violent Ends
• Armistices Faszination von ihrem Spiegelbild in Shogunworld ist einfach nur herzig.
• Akane wird übrigens von keiner Geringeren als Rinko Kikuchi gespielt, die der Figur innerhalb kürzester Zeit eine unglaubliche Vielschichtigkeit verleiht.
• Maeves und Lees Gespräch über Plagiarismus hat mir als Autorin ein Schmunzeln ins Gesicht gezaubert. Denn ja, wir tun so was, wir verwenden gute Idee mehrfach.
• Unterwegs findet Lee ein Funkgerät oder so was und nimmt es heimlich mit. Mal schauen, wann das ins Spiel kommt.
• Die Musik in der Folge war erneut ein absolutes Highlight, allem voran Akanes Tanz zu Ramin Djawadis Version von „C.R.E.A.M.“ von Wu-Tang Clan.

5 von 5 untertitelten Bananen.

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