The Handmaid’s Tale | June (2×01)

„There’s nothing like soup on a rainy day! Such a comfort. Dig in! You’re eating for two.“


Die Strafe für den Ungehorsam bei Janines Steinigung folgt auf dem Fuße, doch June bekommt aufgrund ihrer Schwangerschaft eine Sonderbehandlung. Spoiler!

Friends don’t stone their friends to death
June und die anderen Mägde, die sich geweigert haben, Janine zu steinigen, werden von Tante Lydia für ihren Ungehorsam bestraft. Doch als die erfährt, dass June schwanger ist, ändert sie ihre Strategie und versucht stattdessen, Missgunst unter den Mägden zu sähen. Bei einem Arztbesuch verhilft ein Pfleger June unerwartet zur Flucht in einem Fleischlaster, der sie zu einem Versteck bringt, wo Nick bereits auf sie wartet. June ist frei, doch noch ist es zu gefährlich, sie außer Landes zu schaffen.

Symbolik zur Kontrolle
Der Anblick der nebeneinander aufgereihten Mägde, die mit um den Hals gelegten Schlingen auf den Tod warten, ist eines der stärksten Symbole, die uns die Serie bisher gezeigt hat. Immer wieder wird mit Symmetrien und Mustern gespielt, die Ordnung und Ruhe ausstrahlen und die grausige Wahrheit doch nur übertünchen. Und so beginnt die zweite Staffel von „The Handmaid’s Tale“ mit einer fein koordinierten Strafe, die das Hochgefühl, das die Mägde kurz zuvor noch erlebt haben, mit einem Streich zunichte macht. Wir Zuschauer ahnen, dass Gilead zu verzweifelt ist, um auf einen Schlag so viele fruchtbare Frauen hinzurichten, auch die Mägde werden es im Grunde wissen – aber es ist die Inszenierung, die absolute Stille, die den Verstand in diesen Minuten ausschaltet.

„Such spoiled girls you are. Such spoiled brats.“

Das Gewissen als Instrument der Unterdrückung
Durchgehendes Thema der Folge ist das Gewissen. Oder präziser gesagt: das schlechte Gewissen. Tante Lydia beschimpft die Mägde als verwöhnte Gören und nennt sie undankbar, weil sie ihr angenehmes Leben nicht zu schätzen wissen. Als sie June später isoliert, unterstellt sie ihr sogar, sich nur deshalb so aufsässig verhalten zu haben, weil sie genau wusste, dass sie wegen ihrer Schwangerschaft nichts zu befürchten hat, und gibt ihr die Schuld an dem Leid, dass die anderen Mägde nun erdulden müssen. Und auch in der Rückblende, als June die kränkelnde Hannah im Krankenhaus abholt, stichelt die Krankenschwester, weil June lieber in Vollzeit arbeitet statt sich um ihre Tochter zu kümmern. Das ist natürlich eine gut durchdachte Strategie. Nicht die Täter sind schuld, sondern die Opfer. Gerade, weil die Mägde auf diese Weise beeinflusst werden und einander im Zweifelsfall lieber misstrauen, bildet sich nur langsam Widerstand.

Freiheit ist Interpretationssache
Aber ist June wirklich frei? Die ganze Sequenz ab dem Moment, als sie den Schlüssel in ihrem Schuh findet, wirkt wie ein Traum. Ich rechnete jeden Augenblick damit, dass sie erwischt wird, selbst dann noch, als sie bei Nick im Versteck eintrifft. Und was bedeutet Freiheit, wenn sie jetzt lediglich an einem anderen Ort eingesperrt ist? Tante Lydia sagt eingangs etwas sehr Aufschlussreiches: „There is more than one kind of freedom. Freedom to and freedom from. In the days of anarchy, it was freedom to. Now you are being given freedom from.“ Es ist eine erschreckend verdrehte Sicht auf die Welt, denn natürlich ist es für die Mägde genau umgekehrt, sie sehnen sich nach Freiheit von Unterdrückung, Erniedrigung, Gefangenschaft und institutionalisierter Vergewaltigung.

„My name is June Osborne. I’m from Brookline, Massachusetts. I am 34 years old. I stand 5’3 in bare feet. I weigh 120 pounds. I have viable ovaries. I’m five weeks pregnant. I am … free.“

Auf Gedeih und Verderb Männern ausgeliefert
Hinzu kommt, dass Junes Schicksal weiterhin in den Händen von Männern liegt, und so triumphal der Moment für sie persönlich auch sein mag, er stellt einen Rückschritt für die Mägde dar. Es gibt zu wenige Männer, die ihr eigenes Leben für das einer Magd in Gefahr bringen würden, noch dazu dann, wenn sie selbst von der neuen Gesellschaftsform profitieren. Aber es gibt einen ganzen Haufen Mägde, die stärker sind als sie selbst glauben, wenn sie sich nur endlich zusammentun würden.

Kleine Beobachtungen
• Ich kann Tante Lydias kurzen Zusammenbruch, bevor sie die Glocke läutet, nicht so recht deuten. Besteht am Ende gar die Möglichkeit, dass sie doch kein kaltherziges Biest ist?
• Janine wurde laut Lydia in die Kolonien geschickt. Ich hoffe schwer, dass wir die in dieser Staffel auch endlich mal zu sehen kriegen.
• Das war fast schon passiv aggressiv, wie die Krankenschwester June permanent „Mrs. Bankole“ nennt, obwohl June sie mehrmals korrigiert.
• Und auch Serena war wieder in Hochform. Erst droht sie June, dann gibt’s ein Küsschen auf die Stirn und ein „God bless you“. Die Frau ist doch schizophren!
• Die Szene, in der June ihr halbes Ohr abschneidet, um den Clip zu entfernen, war ehrlich gesagt kaum zu ertragen.
• Der Song, der bei der fingierten Hinrichtung gespielt wird, stammt von Kate Bush und heißt „This Woman’s Work“.

4 ½ von 5 Bananen im Regen.

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