The Handmaid’s Tale | Unwomen (2×02)

„So you thought it was time to hide the dykes.“


In der Isolation ihres Verstecks dreht June langsam durch. Emily kämpft derweil in den Kolonien jeden Tag ums nackte Überleben. Spoiler!

The can’t scare us back into closet
June wird in ein anderes Versteck gebracht, eine verlassene Zeitungsredaktion, wo von der Decke hängende Stricke und Einschusslöcher in den Wänden stumme Zeugen der Vergangenheit sind, die sie quälen. Unterdessen hat Emily auch in den Kolonien ihre Rolle gefunden, wo sie nach einem langen Tag harter körperlicher Arbeit die anderen Frauen provisorisch versorgt. Als eine in Ungnade gefallene Ehefrau eintrifft, wird sie von den anderen aktiv gemieden, während Emily scheinbar freundlich zu ihr ist und ihr hilft.

Religion als Knute, Glaube als Befreiung
Es ist ein interessanter Zug und ehrlich gesagt ziemlich überraschend, mit welcher Differenziertheit sich die Serie dem Thema Religion annähert. Die erste Staffel konzentrierte sich wie schon der zugrundeliegende Roman ausschließlich darauf, wie Religion von den Machthabern zur Unterdrückung und Legitimation benutzt wird. Es wäre eine nur allzu verständliche Reaktion, wenn die Frauen, die darunter zu leiden haben, jeden Glauben an einen Gott verlieren. Vielleicht ist sogar genau das erwünscht, denn Glaube bedeutet immer auch Hoffnung, und das ist in den Augen der Mächtigen das Letzte, was die Mägde haben sollen. Aber inmitten all der Grausamkeiten, die im Namen Gottes verübt werden, findet June ihren eigenen Zugang zum Glauben und so eine Möglichkeit, all das Leid zu verarbeiten, das sie gesehen und durchlebt hat. Es ist eine bewegende Szene, wenn sie am Ende der Folge einen kleinen Schrein an der Wand voller Einschusslöcher errichtet und dort Fotos sowie persönliche Dinge der Opfer platziert. Es bedeutet einen Abschluss und ermöglicht ihr hoffentlich den Neuanfang.

„Wear the red dress, wear the wings, shut your mouth, be a good girl, roll over and spread your legs. Yes ma’am, may the Lord open. What will happen when I get out? I probably don’t have to worry about it, because there probably is no out. Gilead knows no bounds, Aunt Lydia said. Gilead is within you, like the spirit of the lord. Or the Commander’s cock. Or cancer.“

Die Kolonien als Ort der Hoffnungslosigkeit
Emily auf der anderen Seite ist davon weiter entfernt denn je. Die Tatsache, dass wir keinerlei Erklärung dafür erhalten, wo die Kolonien sind und was genau es ist, was die Frauen dort machen (sie schaufeln Dreck in Säcke?), unterstreicht den trostlosen Charakter der Situation noch. Es ist eine Arbeit ohne ersichtlichen Zweck, und wenn es nicht eigentlich zu teuer wäre, diese Frauen am Leben zu erhalten, wäre ich nicht überrascht, wenn die Arbeit sogar völlig sinnfrei und eine reine Bestrafung ist. Hoffnung hat es an diesem Ort schon lange nicht mehr gegeben, und es ist in der Tat sogar erstaunlich, dass Emily überhaupt die Anstrengung unternimmt, anderen zu helfen, statt sich einfach zusammenzurollen und selbst zu bemitleiden. Es ist wohl ein Festhalten am letzten Stück gesunden Verstands.

Aufrechterhaltung des Klassensystems
Aber selbst Emilys Mitgefühl kennt Grenzen. Gerade weil sich diese Frauen darüber definieren, was ihnen angetan wurde, ist da kein Platz für jemanden aus der Oberklasse, selbst wenn er in Ungnade gefallen ist. Die Ehefrau begegnet ihrer Situation mit einer solchen Naivität, sie scheint fast überrascht, dass niemand etwas mit ihr zu tun haben will. Und diese Blauäugigkeit lässt sie auch nicht in Frage stellen, warum Emily ihr helfen sollte, wo keiner sonst das tut. Denn am Ende existiert auch in den Kolonien eine strenge Hierarchie – nur während überall sonst die Ehefrauen die Oberhand haben, sind es hier die Mägde und Marthas, die bestimmen.

“Every month, you held a woman down while your husband raped her. Some things can’t be forgiven.”

This is not valid, you’re not married
Ich schrieb schon während der letzten Staffel, welch wunderbare Ergänzung der Erzählung die Geschichte von Emily ist. Margaret Atwoods Roman konzentrierte sich noch ausschließlich auf June und riss das Schicksal anderer Frauen allenfalls am Rande an, doch durch Emily erhalten wir ein wesentlich runderes Bild der Gesellschaft und ihres Umbruchs. Als lesbische Frau war es Emily bereits gewohnt zu kämpfen, deshalb ließ sie sich von den ersten Veränderungen nicht verunsichern, es war nur eine weitere Schicht ihres tägliches Kampfes um Gleichberechtigung. (Der Kontrast zu June, die ihr zunehmend eingeschränktes Leben trotz verhaltenem Protest akzeptiert, ist erschreckend.) Aber es ist genau diese Einstellung, die sie zu lange zögern lässt, bevor sie mit ihrer Ehefrau und dem gemeinsamen Sohn das Land verlassen will. Jene Szenen am Flughafen, als Emily jede Privatsphäre geraubt wird, indem man sie nach der Empfängnismethode für ihren Sohn fragt, aber auch die nonchalante Erklärung des Polizisten, dass ihre Ehe nicht mehr gültig ist, sind einfach nur niederschmetternd.

Kleine Beobachtungen
• Es überrascht kaum, dass June in der Isolation den Verstand verliert, doch zum Glück kriegt sie sich wieder ein, denn es wäre zweifellos fatal, wenn sie ihr Versteck jetzt verließe.
• Apropos religiöse Symbolik: Nachdem sie sie vergiftet hat, kreuzigt Emily die Ehefrau auch noch.
• Manchmal fühlt sich die Serie völlig aus der Zeit gefallen an, und dann wieder schaut sich June alte „Friends“-Folgen an, die von einem inzwischen fremden Leben zeugen.
• Janine kommt am Ende ebenfalls in den Kolonien an und fällt Emily sofort in die Arme.

5 von 5 vergifteten Bananen.

Vorherige Folge
Nächste Folge
Zurück zur Staffelübersicht