The Handmaid’s Tale | Other Women (2×04)

„I would like to be without shame. I would like to be shameless. I would like to be ignorant for then I would not know how ignorant I was.“


June kehrt in den Haushalt der Waterfords zurück und muss sich ihrer Schuld stellen. Spoiler!

My fault, my fault, my fault, my fault …

Nachdem sie geschnappt wurde, wird June im Zentrum festgehalten. Doch Tante Lydia eröffnet ihr die Chance, wieder bei den Waterfords zu leben, die sie schließlich widerwillig annimmt. Bei einer Babyparty für Serena erfährt June, dass Mayday jetzt keinen Mägden mehr hilft, und auch Lydia ist ständig in ihrer Nähe, um ihr Schuldgefühle einzureden.

It’s June, you know my fucking name

„Other Women“ ist eine schwierige Folge. Und schwierig in einer Weise, wie es keine einzige Folge der ersten Staffel war, als ich streckenweise bereits dachte, dass ich das nicht länger ertragen kann. Oberflächlich betrachtet stehen wir wieder am Anfang, als wir June kennengelernt haben. Doch während diese June noch einen starken Willen hatte und ihr neues Leben mit bösem Sarkasmus kommentierte, erleben wir hier, wie aus June Offred wird.

Diese Aufsplitterung in zwei gänzlich gegensätzliche Persönlichkeiten ist einerseits das Resultat psychologischer Manipulation und unmenschlichen Drucks, sie mag für June in ihrer derzeitigen Situation aber auch die einzige Rettung sein. Tante Lydia ist in diesem Szenario nicht nur diejenige, die ihr zusetzt, indem sie sie mit den Folgen ihrer Flucht konfrontiert, sie bietet ihr zugleich auch einen Ausweg an: „June did this. June ran away. June consorted with terrorists. Not Offred. Offred was kidnapped. Offred is free from pain. Offred does not have to bear June’s guilt.“ Und das ist genau das, was passiert: June zieht sich zurück, Offred übernimmt. Indes, ob das eine reine Schutzreaktion ist, aus der June eines Tages gestärkt hervorgehen kann, oder ob June endgültig gebrochen ist, das ist zur Zeit noch nicht absehbar und macht diese Folge so unglaublich hart.

„I have done something wrong, something so huge I can’t even see it, something that’s drowning me. I am inadequate, and stupid, without worth. I might as well be dead. Please God, let Hannah forget me. Let me forget me.“

Die andere Frau

Es ist indes eine stilistisch interessante Entscheidung, das aktuelle Geschehen mit einer Rückblende zu Luke und seiner Ex-Frau zu kombinieren. Die Geschichte von der Geliebten, die sich in eine ohnehin gescheiterte Ehe drängt, und der Ehefrau, die die Schuld dafür ausschließlich der Geliebten gibt, ist tausendfach erzählt und wird deshalb nicht richtiger. Aber genau das ist der Punkt. Annie ist nicht in der Lage, die Schuld bei sich oder bei Luke zu suchen, sie stürzt sich auf das vermeintlich leichteste Ziel: June. Sie ist die titelgebende „andere Frau“, die alles zerstört. Und June bleibt die andere Frau, die Schuld hat. Sei es für die anderen Mägde, die nun nicht mehr auf Rettung hoffen können und für Junes Verhalten hart bestraft wurden, sei es für Rita, die in ihrer Abwesenheit Serenas ganze Wut abbekommen hat, oder für Omar und Heather, die sie praktisch gegen ihren Willen gezwungen hat, ihr zu helfen. Selbst in der Ehe von Fred und Serena ist sie die andere Frau, die eine Funktion übernimmt, die in einer normalen Beziehung Serena obläge.

June ist nur noch ein Gefäß

Aber „Other Women“ zeigt uns auch eine weitere Schicht der Entmenschlichung, die die Mägde in der Gesellschaft Gileads erleben. Ich habe bereits in einer Review zur ersten Staffel darüber kontempliert, dass die Ehefrauen die Mägde wie Haustiere behandeln, die man „erziehen“ muss. Jetzt aber, da June schwanger ist, scheint sie selbst geradezu unsichtbar geworden zu sein und wird nur noch als Gefäß für das wertvolle Baby wahrgenommen. Das beginnt damit, dass sie der Vitamine wegen eklige grüne Smoothies trinken muss und Tante Lydia ihr beim Baden Waschanweisungen gibt, und endet in jener gruseligen Szene, in der Serena nachts zu June schleicht, um ihren Bauch zu berühren und mit dem Baby zu sprechen. Viele meinen, dass June in dem Moment gebrochen wurde, als Lydia ihr den an der Mauer hängenden Omar zeigt, ich hingegen würde argumentieren, es passiert genau hier.

„You see, June will be chained in this room until she gives birth. And then June will be executed. Offred has an opportunity. It would be better for the baby.“

Lügen zum Selbstmarketing

Es scheint aber auch, als würden die Dinge außerhalb Gileads so langsam ins Rollen kommen, denn beim Jagen sprechen die Männer über ein Embargo, das Kanada über sie verhängt hat. Fred hofft, Teil der Delegation zu werden, die Kanada besuchen soll, was auch der Grund ist, weshalb ihm so sehr daran gelegen ist, die Sache mit June zu beschönigen. Offiziell ist sie nicht geflohen, sondern wurde entführt – eine Lüge, die sowohl die Gier anderer nach fruchtbaren Frauen und Babys hervorhebt als auch Fred und Serena zu Opfern macht. Es war recht aufschlussreich, dass Fred seiner Frau pro forma das Recht einräumt, June ins Zentrum zurückzuschicken. Denn in Wirklichkeit hat sie natürlich absolut kein Stimmrecht in dieser Angelegenheit, weil es die sorgsam gesponnene Lüge zum Einsturz brächte.

Kleine Beobachtungen

• Ich weiß nicht, was ich von Rita erwartet habe, aber ich war doch enttäuscht, als sie June die Briefe zurückgibt, weil sie zu viel Angst hat, sie weiterzuleiten.
• Wie es Nick mit der Situation geht, können wir nur aus seinem leidenden Blick ablesen. Wird er versuchen, zur in Offred vergrabenen June vorzudringen?
• Erneut diese Rituale, die in ihrer Schönheit einen krassen Gegensatz zur Realität bilden. Man überlege nur, wie erhebend all das sein könnte, wenn die Frauen freiwillige Leihmütter wären.

5 von 5 gebrochenen Bananen.

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