The Handmaid’s Tale | First Blood (2×06)

„She has a right to speak! This is America!“


Um June zu schonen, überschlägt sich Serena geradezu vor Nettigkeit. Und Nick hadert noch immer, die Ehe mit Eden zu vollziehen. Spoiler!

If you need anything, I’ll be right here

June wird aus dem Krankenhaus entlassen, und da der Arzt Ruhe und Harmonie verschrieben hat, ist Serena ausnahmsweise mal wieder nett zu ihr und lässt sie sogar im Wohnzimmer schlafen, damit sie nicht die beschwerliche Treppe zu ihrem Zimmer hinaufsteigen muss. Unterdessen droht für Nick Gefahr durch seine junge Ehefrau Eden, die sich darüber wundert, dass er nicht mit ihr schlafen will, und daraus schließt, dass er ein „gender traitor“ sein muss. Für Fred steht derweil die große Eröffnung des neuen Rachel and Leah Centers an.

Die zwei Gesichter der Serena Joy

Über Serena zu schreiben, stellt mich doch jedes Mal wieder vor große Schwierigkeiten. Steckt da, verborgen unter all den Schichten von Grausamkeiten, ein anständiger Mensch? Trotz des erneuten Blicks in ihre Vergangenheit können wir weiterhin nicht sicher sein, denn abgesehen davon, dass sie damals mehr Freiheiten hatte (und sogar Hosen trug!), vertrat sie auch da schon ihre verqueren Ansichten von der braven Frau am Herd. Interessant wäre eine zeitliche Einordnung gewesen – wie lange vor dem Putsch durch die Söhne Jacobs hat sie ihr Buch veröffentlicht? Die Gegenseite war zu diesem Zeitpunkt noch wesentlich lauter und hat Serena wüst beschimpft. Das Problem ist, dass sie zwar die richtigen Gründe hat, aber die falschen Ideen. Wie ich schon irgendwann während der ersten Staffel einmal bemerkte, die gesunde Reaktion auf einen so massiven Geburtenrückgang wäre es gewesen, die fruchtbaren Frauen zu hätscheln und Anreize zu schaffen, damit sie freiwillig Kinder kriegen. Am Ende läuft es immer darauf hinaus, dass es eigentlich um die Männer und ihre Macht geht. Nicht von ungefähr exekutiert Fred nicht den Mann, der Serena angeschossen hat, sondern dessen Frau.

„You want me to stay silent, but that is not going to change what is happening in our country. You are spoiled, you’re privileged, and you’re living in an academic bubble, all of you. The rate of healthy births has dropped 61 percent in the last twelve months. That is exactly the problem that we need to focus on right now. The future, and the future of mankind, depends on what we do today. What we do today! Every single one of you, women especially, embrace your biological destiny. This affects us all.“

Ursache und Wirkung

Meinem Empfinden nach haben die Flashbacks letztendlich keinen wirklichen Mehrwert geliefert. Es war ein aufschlussreicher Blick in die frühen Tage der Gilead-Idee und dazu unfreiwillig komisch, als Fred den Protestierenden ein „She has a right to speak! This is America!“ entgegenschleudert. Am Ende hat die Erkenntnis, dass Serena vermutlich aufgrund der Schusswunde keine Kinder kriegen kann, die Figur aber eher geschwächt. In Margaret Atwoods Buch werden die Gründe dafür nie enthüllt, es ist nur allgemein von den Einflüssen die Rede, die zum Einbruch der Geburtenrate geführt haben. Dass Serena selber Opfer der Umstände ist, erschien mir immer irgendwie passend. Der Anschlag verleiht der Geschichte jedoch eine aktive Komponente und gibt Serena letztendlich einen Grund für ihren Hass auf diese andere Gesellschaft.

Junes Schonzeit jedenfalls währt kurz, was eigentlich keine große Überraschung ist. Die Beziehung zwischen ihr und Serena ist geprägt vom Missverhältnis zwischen dem, was sie geben können, und dem, was sie geben wollen. Serena wünscht sich zweifellos sehnlichst ein Baby, da sie aber selbst nie eines ausgetragen hat, ist sie nicht in der Lage (oder schlicht nicht willens) zu verstehen, wie es sich für June anfühlt, es hergeben zu müssen. June auf der anderen Seite ist sogar bereit, Serena bis zu einem gewissen Grad an ihrer Schwangerschaft teilhaben zu lassen, möchte dafür aber auch eine Gegenleistung. Am Ende wird für uns Zuschauer Serena immer die Böse in der Geschichte sein, weil wir abseits ihres Kinderwunschs nur wenig über sie wissen.

Eine neue Generation, die es nicht anders kennt

Eden auf der anderen Seite ist eine spannende Ergänzung zur ursprünglichen Geschichte, auch wenn ich aktuell noch verwirrt bin, zu welcher Klasse sie und Nick jetzt eigentlich gehören. Nick ist kein Kommandant, und wir wissen nichts über den Haushalt, aus dem Eden stammt, macht sie das zu Ökonos? Immerhin, Eden scheint Kleidung in verschiedenen Grau-Abstufungen zu tragen. Auf jeden Fall ist offensichtlich, dass Eden vollständig auf die Ideale Gileads konditioniert wurde, und zwar in einem Maß, dass sie Nicks Respekt vor ihr nicht einmal mehr als solchen erkennt und stattdessen als Desinteresse an Frauen generell interpretiert. Das ist das eigentlich Erschreckende daran, denn diese Generation von Frauen, die da heranwächst, erwartet nicht einmal mehr, dass sie als vollwertige Menschen wahrgenommen werden. Eden möchte nur ihren Mann bekochen und Kinder kriegen. Und lasst uns über den Akt als solchen reden, das war nachgerade verstörend. Gilead hat nicht nur dafür gesorgt, dass Sex ausschließlich als Mittel zum Zweck verstanden wird, sondern hat ihm auch wieder einen Schleier des Mysteriösen verpasst. Das Loch in der Bettdecke war das vielleicht stärkste Bild in dieser Folge.

„You may not agree with what she says, but that’s what’s great about our country: the freedom to express our opinion.“

Ein Zeichen des Widerstands

Ein anderes Bild, das sich mir eingeprägt hat, sind die Mägde, die wohlgemerkt außerhalb jenes Centers aufgereiht stehen, in dem sie künftig „abgewickelt“ („processed“) werden sollen. Es ist am Ende ein Glück für sie, denn Ofglen die Zweite ergreift die Gelegenheit, so viele wichtige Männer Gileads an einem Ort versammelt vorzufinden, um eine Bombe zu zünden. Zweifellos wird auch sie später als Terroristin bezeichnet werden, genauso wie Serena ihren Angreifer einen Terroristen genannt hat. Für die Mägde aber könnte sie das dringend nötige Zeichen sein, ein Symbol des Widerstands, das die Mächtigen so schnell nicht wieder aus ihren Köpfen kriegen werden. Ich hoffe, dass es eine ordentliche Schneise in die Reihe der Männer geschlagen hat. Was meint ihr, hat es Fred auch getroffen? Und was würde das für June bedeuten, die Serena dann gänzlich ausgeliefert wäre?

Kleine Beobachtungen

• Interessant, dass Fred June ihren starken Willen weniger übel nimmt als Serena. Trotz ihrer Flucht ist er noch immer in Spiellaune und lässt sich von ihr manipulieren.
• Die Party für June und ihre „Freundinnen“ war der seltsamste Anblick aller Zeiten. Und Serena so komplett ignorant gegenüber der Absurdität der Situation.
• Nick wendet sich an Pryce und sagt ihm, er wüsste Dinge über Fred, doch welches Ziel verfolgt er damit? Und es ist auch gar nicht auffällig, dass er „protect the handmaid“ ergänzt.

4 ½ von 5 angeschossenen Bananen.

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