The Handmaid’s Tale | After (2×07)

„It’s about time things started getting back to normal around here, don’t you think?“


Nach dem Anschlag auf die Kommandanten ist in Gilead ein Machtvakuum entstanden, in dem auch Serena eine Chance auf Veränderung sieht. Spoiler!

I’ll need a pen

Nach der großen Explosion ist Gilead einmal mehr Veränderungen unterworfen. Während Fred überlebt und schwer verletzt im Krankenhaus liegt, übernimmt Ray Cushing den Job des verschiedenen Kommandanten Pryce. Und er ist fest entschlossen, die Verschwörung bis zum letzten Beteiligten aufzuklären, was ihn schließlich auch in den Waterford-Haushalt führt. Spätestens da wird selbst Serena klar, dass sie etwas unternehmen muss. Auch in Kanada sorgt der Anschlag für Aufregung, doch während Luke kaum Interesse zeigt, nimmt Moira das zum Anlass, endlich herauszufinden, was mit ihrer Verlobten Odette geschehen ist.

Das neue Normal

Könnte das der Wendepunkt sein, auf den wir nach dem Abwärtstrend der letzten Folgen so sehnlich gewartet haben? „After“ zeigt zumindest eines: Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, was „normal“ ist. Für Cushing bedeutet es, noch mehr Angst zu verbreiten, um Gilead restlos von allen Rebellen zu befreien – und dabei macht er nicht einmal vor Kommandanten und Ehefrauen Halt. Das ist es, was schließlich auch Serena aufrüttelt, wenngleich vorerst offen bleibt, bis zu welchem Maße das geschieht. Welches „normal“ strebt sie an, wenn sie heimlich Freds Job übernimmt und neue Gesetzesdokumente verfasst? Es ist durchaus denkbar, dass sie einfach nur den Zustand vor der Explosion wiederherstellen will, aber wir haben auch erlebt, wie wenig ihre eigene Rolle in dieser Gesellschaft sie ausfüllt. Ich bezweifle zwar, dass sie Gilead radikal verändern wird (das wäre wohl auch zu verdächtig), aber ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass ihre Vorstellung von „normal“ mehr in Richtung der Welt vor Gilead geht. Einer Welt, in der Frauen wieder einen Stift in die Hand nehmen dürfen.

Cushing: „Our Republic is under siege. We do not have the luxury of fairy tales.“
June: „Sir, I was taken against my will.“
Commander: „Offred, if your house has been infected with terrorists, I need to know.“

Meine Name ist …

Klar ist auch, selbst wenn das Verhältnis von 31 toten Mägden gegenüber 26 Kommandanten nicht das befriedigendste Ergebnis ist, so hat der Anschlag Gilead doch mitten ins Herz getroffen. Die Reihen wurden gelichtet, und im Chaos der Neuordnung ist zumindest vieles möglich. Die Mägde jedenfalls haben trotz des Verlusts verstanden, dass sie immer noch eine Stimme haben. Kaum etwas ist symbolischer als die Nennung der Patronyme der toten Mägde zu Beginn der Folge und den eifrig miteinander tuschelnden Mägden am Ende, wenn sie einander endlich ihre echten Namen sagen. Mehr als der Anschlag selbst ist das der entscheidende Schritt heraus aus der Objektifizierung, ein Widerstand nicht nach außen, sondern nach innen. Diese Frauen sind viele und sie sind stark.

Aktionismus zum Wohle der Gesellschaft

Wie verzweifelt Gilead sein muss, zeigt aber auch die Tatsache, dass sie einmal verstoßene Mägde aus den Kolonien zurückholen, um die Getöteten zu ersetzen. Verzweifelt deshalb, weil es schon sehr viel Gottesglauben erfordert, um zu denken, dass diese Frauen nach teilweise monatelanger Arbeit in einer radioaktiv verstrahlten Umgebung noch in der Lage sind, gesunde Kinder zu gebären. Ist das reiner Aktionismus? Ein Versuch, den Anschein von Normalität zu erwecken, während im Grunde alle wissen, wie lächerlich die Vorstellung ist? (Und kriegen wir nun doch noch die Missgeburten, von denen im Buch immer wieder die Rede war?)

Um das zu verstehen, sollte man sich vielleicht bewusst machen, dass die einzig noch mögliche Steigerung darin besteht, Ökonofrauen zu Mägden zu machen. Also jenes gehorsame und (zumindest scheinbar) gottesfürchtige Fußvolk, das Gilead noch irgendwie am Laufen hält. Die Obersten werden diesen Schritt so lange wie möglich hinauszögern wollen, denn dann würde die stillschweigende Akzeptanz dieser Gesellschaft zweifellos kippen. Wenn nicht einmal mehr die sicher sind, die alle Regeln befolgen, hat die Regierung keinerlei Legitimation mehr, und dessen sind sich die Kommandanten wohl bewusst. Ich vermute, unter genau diesem Gesichtspunkt sollte man auch die Entscheidung sehen, mutmaßlich inzwischen unfruchtbare Frauen als Mägde zu rekrutieren.

„God saved us. He has a plan. He has a plan for both of us. Well, it might not be the same plan, it could be different plans.“

Zuckerbrot statt Peitsche

Der Plot um Moiras Leihmutterschaft in der Zeit vor Gilead fällt aus dieser exzellent erzählten Geschichte leider etwas heraus. Während andere Rezensenten darin ein längst fälliges Puzzleteil sehen, das erklärt, wieso Moira nicht als „gender traitor“ hingerichtet, sondern zur Magd gemacht wurde, fällt mir vor allem negativ auf, dass es zwei Staffeln brauchte, um das zu erzählen. Oder wenigstens einmal anzudeuten. So kam das für mich völlig aus dem Nichts und wirkte wie ein Fremdkörper, den ich nicht mit der Moira in Verbindung bringen konnte, die ich bisher kennengelernt habe. Und wenn wir schon mal dabei sind, haben wir je von Odette gehört, die ihr urplötzlich so viel bedeutet?

Immerhin für eines ist dieser Teil der Story gut: Er zeigt uns, wie es hätte funktionieren können, wenn es bei Gilead nicht in Wirklichkeit von Anfang an um Macht gegangen wäre. Gebt Frauen die richtigen Anreize und sie entscheiden sich ganz von allein dafür, Kinder zu kriegen. In Moiras Fall war das genug Geld, um ihre Schulden vom Studium abbezahlen zu können. Und ihre Erfahrung zeigt auch, wie anders eine Frau damit umgeht, ein Baby wegzugeben, wenn es auf freiwilliger Basis geschieht. Die glücklichen Eltern zu sehen, gab Moira das Gefühl, etwas wirklich Gutes getan zu haben – für sie war es dadurch niemals ein Verlust.

Kleine Beobachtungen

• Die gesamte Eröffnungssequenz mit den roten Särgen und den schwarz gekleideten Mägden in ihren roten Schleiern war einfach nur unfassbar schön. Die Beerdigung der Kommandanten wurde hingegen ganz explizit nicht gezeigt.
• So viel auch zu Nicks Hoffnung, von den Waterfords wegzukommen, hm? Dafür hilft er Serena nun, Gilead im Geheimen neu zu ordnen.
• Eden beobachtet, wie die Mägde Namen austauschen. Das wird definitiv noch zurückfeuern.
• Und dann das Klicken des Kulis, als June wieder Lektorin sein darf. Das ist ihr persönlicher Moment der Freiheit.

4 ½ von 5 namenlosen Bananen.

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