The Handmaid’s Tale | The Word (2×13)

„All we leave behind is a uniform. Wife. Handmaid. Martha. Mother. Daughter. Girlfriend. Queen. Bitch. Criminal. Sinner. Heretic. Prisoner.“


Edens Tod zieht weite Kreise, als June eine Bibel in ihren Sachen findet. Spoiler!

In the beginning was the word, and the word was with God, and the word was God

June findet in Edens Sachen eine Bibel und wendet sich damit an Serena, denn wie soll Nicole jemals Gottes Wort befolgen, wenn sie es noch nicht einmal lesen darf? Serena verbündet sich daraufhin mit weiteren Ehefrauen und stellt vor den Männern einen Antrag, Jungen und Mädchen das Lesen der Bibel zu erlauben – was gründlich nach hinten losgeht. Als in der Nacht das Nachbarhaus brennt, verhilft Rita im allgemeinen Durcheinander June und ihrem Baby zur Flucht.

Das System von innen zerstören

Warum bleibt June in Gilead? Das ist die Frage, die ich dieser Tage in den meisten Reviews gelesen habe. Und wenn nicht dort, dann unter Garantie in den Kommentaren der Leser. Ich kann verstehen, dass es vom menschlichen Standpunkt aus ungemein frustrierend ist, dass sie so kurz vor ihrem Ziel einen Rückzieher macht, erzählerisch aber ist es die einzig richtige Entscheidung. „The Handmaid’s Tale“ wäre eine völlig andere Serie, wenn die Heldin nicht mehr in der Welt ihrer Unterdrücker lebte, wenn sie den einfachen Weg wählte. Denn das ist der Punkt, dies ist nicht die Geschichte einer Magd, die sich selbst rettet – es ist die Geschichte einer Frau, die das System stürzen will. (Und das das nur von innen möglich ist, hat diese Staffel mehr als deutlich gezeigt, denn Moira und all die anderen nach Kanada geflüchteten Frauen haben keinen Unterschied gemacht.) Natürlich ist es aber auch die Geschichte einer Mutter, die in dem Moment, in dem sie ihr Baby so gut wie in Sicherheit weiß, alles daran setzt, auch ihre andere Tochter zu retten.

Tatsächlich bin ich äußerst gespannt, wie die dritte Staffel der Serie aussehen wird. In gewisser Weise ist June jetzt wieder an genau demselben Punkt wie zu Beginn dieser Staffel, aber ihre Ziele haben sich geändert. Sie möchte Gilead nicht mehr verlassen, im Gegenteil, sie muss einen Weg finden, um unter dem Radar zu bleiben und trotzdem zu Hannah zu gelangen. Ich bin mir fast sicher, dass sie eine wichtige Figur für die Untergrundbewegung werden und vielleicht sogar weiteren Mägden bei der Flucht helfen wird. Meine einzige Befürchtung ist, dass die Serie endlos in die Länge gezogen wird, weil sie erfolgreich ist. Erzählerisch könnten drei Staffeln genau das richtige Maß sein, aber das zählt natürlich nicht, solange man noch Geld damit verdienen kann.

June: „How are you going to keep her safe?! What are you going to do? Are you going to lock her up here like an orchid?“
Serena Joy: „My daughter will be raised appropriately. She will understand the word of God and she will obey his word.“
June: „She cannot read his word!“

Eine wahre Mutter

Auch Serena hat in „The Word“ eine wichtige Lektion gelernt, und selbst wenn ihr „I tried“, nachdem ihr der Finger entfernt wurde, noch defensiv klingt, glaube ich, dass es der erste Schritt in die richtige Richtung ist. Versteht mich nicht falsch, Serena ist eine zutiefst gestörte Frau, die nie etwas für Mägde oder Marthas tun wird. Vielleicht nicht einmal für andere Ehefrauen. Aber durch Edens Tod ist sie erstmals in der Lage, über ihr eigenes kleines Leben hinauszublicken und zu erkennen, dass die Generationen nach ihr noch wesentlich schlimmer dran sein werden. Dass ein Kind wie Nicole aufwachsen wird, ohne je die Möglichkeit zu haben, ihren Verstand zu entwickeln und Dinge zu hinterfragen. Die ihr ganzes Leben darauf angewiesen sein wird, dass Männer (nicht Gott) ihr sagen, wie sie sich zu verhalten hat. Und das wiegt am Ende schwerer als ihr eigener egoistischer Wunsch, ein Kind zu besitzen. Nicole ist jetzt kein Statusobjekt mehr, Serena ist wirklich zur Mutter geworden, und das ist – bei all ihren Fehlern – eine gewaltige Entwicklung.

Der sprichwörtliche letzte Tropfen

Der größte Hoffnungsschimmer in all dem ist vielleicht Joseph Lawrence, Emilys neuer Kommandant. Denn obwohl wir in der letzten Folge erfahren haben, dass er einer der Gründungsväter Gileads ist, hat er seinen Fehler mittlerweile erkannt. Ich möchte wetten, dass er einer dieser weltfremden Professoren ist, die nur die Lösung gesehen und zu spät gemerkt haben, dass der Weg dahin der völlig falsche ist. Er tut, was er kann, um wenigstens einigen der Menschen zu helfen, die durch sein unüberlegtes Handeln leiden mussten.

Für Emily jedenfalls war es höchste Zeit, dass sich das Blatt zu ihren Gunsten wendet. Und gerade ihr Beispiel zeigt, wie subjektiv Leid empfunden wird, denn Serenas kleine Strafe steht in keinerlei Verhältnis zu dem, was Emily durchmachen musste. Sie ist über den Punkt hinaus, wo sie sich selbst bemitleidet, aber sie kann auch nicht mehr damit umgehen, wenn plötzlich mal jemand freundlich zu ihr ist. Dass sie Tante Lydia mit dem Messer angreift, ist sicherlich zu einem großen Teil einfach nur die aufgestaute Wut, die sie am Vorabend eigentlich gegen Lawrence richten wollte, zum Teil aber auch der Tatsache geschuldet, dass sie zum ersten Mal seit langem eine Nettigkeit erfahren hat und Lydia das mit ihren abschätzigen Worten sogleich wieder zunichte macht. Alexis Bledel verdient alle Preise der Welt, wenn ihr mich fragt, die kurze Szene, in der sich ihre Euphorie in völlige Verzweiflung verwandelt, ist mit das Stärkste, was ich in der Serie (oder irgendeiner anderen) gesehen habe.

„Have a nice life! Don’t get caught! Keep away from drugs!“

Widerstand über die Klassen hinweg

Eine der wichtigsten Entwicklungen ist vielleicht, dass die Frauen ihr Schicksal endlich selbst in die Hand zu nehmen beginnen. Anfang der Staffel beklagte ich mich noch darüber, dass June bei ihrer Flucht ausschließlich auf Männer angewiesen ist – diesmal wird sie von Marthas von einem Treffpunkt zum nächsten begleitet. Das zeigt aber auch, dass die verschiedenen Klassen zusammenzuarbeiten beginnen. Der Waterford-Haushalt ist dafür exemplarisch, denn hat da anfangs noch jeder gegen jeden intrigiert, sind June, Rita und Nick nun fast so etwas wie eine zweite Familieneinheit. Und ganz ähnlich wird es auch in anderen Häusern aussehen, wenn man bedenkt, dass an Junes und Emilys Flucht nicht nur Marthas beteiligt waren, sondern auch Fahrer und ein Kommandant.

Und wenn wir nur das aus der zweiten Staffel „The Handmaid’s Tale“ mitnehmen, ist das bereits eine ziemlich große Sache. Der Mut eines einzelnen konnte gegen das System nicht viel ausrichten, doch je mehr diesen Mut entwickeln, desto stärker wird der Widerstand. Und je weniger von Gilead profitieren, desto mehr der Verlierer werden mutig werden. Denn gewaltsame Unterdrückung war noch nie ein gutes Rezept zum Machterhalt.

Kleine Beobachtungen

• Fred schlägt June und sie schlägt zurück. Das war einer der ganz großen Charaktermomente der Serie. Außerdem ihr „go fuck yourself“, als er ihr anbietet, bei ihnen zu bleiben und sich diesmal an einem Sohn zu versuchen.
• Hm, June sagt Nick, dass sie ihn liebt. Ich mag wirklich keine Dreiecksgeschichten, einer ist am Ende immer der Verlierer.
• Dass June Holly nun doch Nicole nennt, finde ich ein bisschen albern. Hat sie etwa schon vergessen, wie grausam Serena zu ihr war?

5 von 5 Bananen, die in Gilead bleiben.

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