The Handmaid’s Tale | Unknown Caller (3×05)

„Instead of resentment, they offer grace. A victory for one is a victory for all.“

Serena möchte nach Kanada reisen, um Nichole wiederzusehen – und bittet June um Hilfe. Spoiler!

Sometimes words fail us

Fred und Serena bitten June, Luke anzurufen und ein Treffen mit Nichole zu arrangieren, damit Serena sich von ihr verabschieden kann. Widerwillig stimmt June zu, erhofft sich dadurch aber in Zukunft einen Gefallen von Serena. In Kanada trifft Serena auf einen sehr defensiven Luke – und auf Tuello, der ihr erneut anbietet, Gilead hinter sich zu lassen. Bald darauf wird June ohne jede Warnung abgeführt und in ein Fernsehstudio gebracht, wo die Waterfords einen Aufruf an Kanada starten, ihnen Nichole zurückzugeben.

Hervorragend erzählt, aber verwirrend

Nun, das war seltsam. „Unknown Caller“ ist unbestreitbar die bisher beste Folge der Staffel, aber sie ist auch ausgesprochen verwirrend. Es wirkt einerseits so schlüssig, dass Serena sich von Nichole verabschieden will, doch wenn man darüber nachdenkt, ist es eigentlich ein völlig absurder Wunsch. Sie hatte ihren Abschied in der Nacht, als June geflohen ist, und das hier war nur dazu gut, alte Wunden aufzureißen.

Das eigentlich Kuriose aber ist, dass Serena June versprechen musste, dass sie was bei ihr gut hat, wenn sie das arrangiert. Kurz darauf sorgt sie dafür, dass June vor die Kameras gezerrt wird, um ihre Tochter, die sie so mühevoll in Sicherheit gebracht hat, zurückzuholen? Das ergibt keinen Sinn – nicht mal für Serenas Verhältnisse. Also steckt etwas anderes dahinter? Ein größerer Plan, mit dem Serena ihr Versprechen an June einlösen will?

„I don’t know what it is that you tell yourself so that, you know, you can sleep at night, but Nichole is gonna know exactly where she came from, and how brave her mother was for getting her here. That’s her story. All right? You’re never gonna be anything to her.“

June wird unfreiwillig zur Gehilfin

Es ist allerdings aufschlussreich, dass sie June bitten, Luke anzurufen. Wir kennen Gilead mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass sie mehr als genug Methoden haben, sie dazu zu zwingen. Noch interessanter ist eigentlich, wie Fred Serena zu trösten versucht: „I thought this is what you wanted. Our daughter’s safe. In Canada.“ Das ist nicht nur so daher gesagt, er weiß sehr gut, dass Nichole in Kanada wesentlich dran ist als in Gilead. (Und das ist, glaube ich, tatsächlich die menschlichste Seite, die wir je an Fred gesehen haben.)

Das Telefonat zwischen June und Luke war hingegen nur schwer mitanzusehen. Luke bricht völlig zusammen, seine Frau nach so langer Zeit zu hören. June aber hat nicht den Luxus, ihre Gefühle zeigen zu können, und bleibt das ganze Gespräch über geradezu formell. Wie schwer ihr das fällt, ist ihr dabei deutlich anzusehen. (Das wird später dann sehr schön durch die emotionale Rückblende kontrastiert, als sie die Kassette für Luke aufnimmt.)

Nicht besser als ihr Ruf

Das Zusammentreffen von Luke und Serena lässt sich bestenfalls als frostig bezeichnen. Luke ist verständlicherweise nicht bereit, auch nur eines der Argumente gelten zu lassen, die Serena vorbringt. Und auch hier fragt man sich als Zuschauer unweigerlich, was sich Serena eigentlich davon erhofft. Sie kann nicht erwarten, dass er sie nicht als Bösewicht sieht. Selbst die kleinen Hilfestellungen, die sie June gegeben haben mag, wiegen nicht das Unrecht auf, sie versklavt zu haben. In der Hinsicht bin ich ganz auf Lukes Seite, der verhindern möchte, dass Serena irgendeine Rolle im Leben von Nichole spielt.

„I can’t imagine what you thought when you met Nichole. But you were probably thinking a lot less about her journey across the border and more about her journey into the world. It’s not easy to tell you this ’cause I am ashamed. I had to build a life here. Of a sort. And you should, too. You deserve a life, a full life, Luke. You deserve love.“

Sie trennt inzwischen ein ganzes Leben

Obwohl Serena recht überstürzt aufbricht und wir die Übergabe nicht sehen, gelangt Junes Kassette schließlich doch in Lukes Besitz. (Serena bekommt von Tuello dafür ein Satellitentelefon, was irgendwie den Verdacht erhärtet, dass sie etwas plant.) In der Aufnahme sagt June Luke nicht nur die Wahrheit über Nicholes Vater, und dass sie in Liebe gezeugt wurde, sondern erklärt ihm auch, dass sie nicht mehr die Frau ist, die er einst kannte.

Das ist eines der stetig mitschwingenden Themen der Serie, das erstmals in „God bless the Child“ durch Emily und Sylvia offen angesprochen wurde. Es geht nicht so sehr darum, ob ihre Ehe noch eine Chance hat (und welche Rolle ihre Affäre mit Nick dabei spielt), sondern darum, dass sie Erfahrungen gemacht hat, die er nie ganz wird verstehen können. Sie ist weitergelaufen, musste weiterlaufen, während Luke in gewisser Weise stehengeblieben ist.

Kleine Beobachtungen

• Eleonor erzählt June, dass ihr Mann ihr früher Mixtapes gemacht hat, weil ihm die Worte fehlten, um seine Gefühle auszudrücken. Die Worte fehlen ihnen mehr denn je, doch immerhin hören sie nun wieder gemeinsam Musik.
• Bei den Kassetten handelt es sich zudem um eine schöne Reminiszenz an die Buchvorlage von Margaret Atwood. June erzählt ihre Geschichte darin nämlich in Form von Kassettenaufnahmen.
• Wie traurig ist das, als Ofmatthew erzählt, dass sie wieder schwanger ist und resigniert meint: „May He make me truly worthy.“ In dieser Floskel steckt das ganze Drama ihrer Existenz, denn sie mag ihre Pflicht noch so gut erfüllen … es wird nie zu etwas führen.

5 von 5 Bananen, die sich umziehen sollen.

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