The Handmaid’s Tale | Household (3×06)

„I am the child’s mother. And I want Nichole to stay in Canada.“

Die Waterfords fahren nach Washington D.C., um mit Kanada über Nicholes Rückkehr zu verhandeln. Spoiler!

Do you want us all to be silenced?

Die Bemühungen der Waterfords um Nicholes Rückkehr tragen erste Früchte, als sie mit dem gesamten Haushalt nach Washington D.C. eingeladen werden. Dort sollen nicht nur weitere, visuell perfekt durchkomponierte Filmbotschaften für Kanada produziert, sondern auch Sondierungsgespräche unter Beteiligung der neutralen Schweiz geführt werden. June sieht darin eine Möglichkeit, zu ihren Gunsten zu verhandeln.

Eine Folge voller Kontraste

„The Handmaid’s Tale“ war schon immer eine düstere Serie, deren wenige hoffnungsvolle Momente von umso härteren Rückschlägen überschattet werden. Doch „Household“ setzt alles bisher Gesehene in Perspektive. Haben wir die Zustände in Boston schon für unnötig grausam gehalten, wussten wir doch nur nicht, wie es im Machtzentrum von Gilead aussieht.

Mehr als jemals zuvor spielt die Serie hier mit Bildern, dem Kontrast von Groß und Klein, mit weiten Flächen, Leere und ausgewaschenen Farben, die das Rot der Mägde umso stärker hervorheben. Und es sind einmal mehr die Symmetrien, die am härteten treffen, die Ordnung einer unterdrückten Gesellschaft, in der jeder seinen festen Platz hat. Fast wirkt es kurios, wenn im Haushalt der Winslows mit ihrem halben Dutzend (gestohlener) Kinder stetiger Lärm herrscht, nachdem wir zuvor nur die Stille der Bostoner Haushalte kannten.

June: „Serena. I know you don’t want this. Please talk to me.“
Serena: „We can talk if you like. But you have to understand that seeing her changed everything for me.“
June: „I know.“
Serena: „Then what is there to talk about?“
June: „Because seeing her changed you. It changed you, it didn’t change this place. She deserves better.“

Am Höhepunkt der Hoffnungslosigkeit

Doch das bei weitem stärkste Bild war die zerstörte Statue Lincolns, weil es die ganze Tragik der Geschichte einfängt. Lincoln steht für das Ende der Sklaverei – und nichts anderes als Sklaverei ist es, was Gilead wieder eingeführt hat. Es ist der vielleicht hoffnungsloseste Moment der Serie, wenn June vor dem Monument steht und im wörtlichen wie im übertragenen Sinne nur ein winzig kleiner, leuchtend roter Punkt ist. Es ist auch ein faszinierender Kontrast zu den Massen anderer Mägde, die auf dem Platz versammelt sind und auf ihr Zeichen hin betend auf die Knie fallen. Für wen beten sie in diesem Moment? Für June oder die Waterfords?

Es ist immer wieder bedrückend, wenn gezeigt wird, wie viele sie eigentlich sind, wie einfach es sein müsste, sich aufzulehnen. Aber Gilead hat Mittel und Wege, und auch in dem Punkt setzt „Household“ noch einen drauf. Anfangs scheint die Kleidung der Washingtoner Mägde nur eine lokale Variation zu sein, vielleicht ein Schutz vor der Kälte. Der Schock, wenn die Magd der Winslows den Mundschutz schließlich entfernt und wir ihren mit Metallringen verschlossenen Mund sehen, trifft June und uns Zuschauer gleichermaßen. Wie sollen sich diese Frauen noch wehren?

Die wankelmütige Charakterisierung der Serena Joy

Meine einzige Kritik bezieht sich indes nicht explizit auf diese Folge, obwohl sie symptomatisch dafür ist. Speziell in dieser Staffel übertreibt man es mit dem Hin und Her von Serenas Motivation meiner Meinung nach ein wenig. Ich hatte früher kein Problem damit, in ihr den Bösewicht zu sehen – auch hinter ihren seltenen netten Gesten. Doch zuletzt wurde der Fokus so stark darauf gelegt, dass sie sich ändern könnte, dass sie und June etwas verbindet, dass ihr neuerlicher Wandel nun etwas konstruiert wirkt.

Tatsächlich hoffe ich, dass das der letzte Versuch war, Sympathie für Serena zu wecken. Und vor allem das letzte Mal, dass June darauf reingefallen ist. Gerade sie sollte nach all der Zeit doch endlich begriffen haben, dass sie am Ende niemandem trauen kann. Sie kann Hilfe annehmen, wo sie ihr geboten wird, aber fast immer steckt dahinter eine eigene Motivation, die nicht automatisch mit ihrer übereinstimmen muss.

„This isn’t love. You can’t love! You don’t know how! Serena, you built this whole world just so that you can have someone. But it didn’t work. You’re small. You’re cruel. And you’re empty. You will always be empty.“

Die partielle Blindheit der Profiteure

Interessant war es natürlich trotzdem, wie Serena auf den Haushalt der Winslows reagiert. Olivia zu sehen und ihr vor allem zu lauschen, wie sie darüber spricht, dass sie früher Anwältin war und nun ein glückliches Leben als Hausfrau und Mutter führt, muss Serenas Eitelkeit schmeicheln. Vor allem, da Olivia fast verschämt zugibt, dass sie ihr Buch gelesen hat, das quasi den Grundstein für Gilead legte.

Auch das ist ein häufig bei „The Handmaid’s Tale“ eingesetztes erzählerisches Mittel: Für einen kleinen Teil der Bevölkerung ist Gilead tatsächlich die wahr gewordene Utopie. Und wer davon profitiert, neigt dazu, die Augen vor den Konsequenzen zu verschließen, vor dem Leid derer, auf deren Rücken diese Utopie steht. (Und machen wir uns nichts vor, es ist heute doch nicht anders: Wenige Reiche leben davon, dass viele Arme ihr Leben lang den Rücken krumm machen.)

Fragwürdige Politik

Die politischen Klüngeleien, die hier thematisiert werden, sollte man andererseits vielleicht nicht hinterfragen. Es ist schon erstaunlich, dass sich Kanada überhaupt auf Verhandlungen mit Gilead einlässt. Da wird immer mit militärischer Stärke argumentiert, doch angesichts dessen, dass die meisten anderen Nationen genau wissen, was in Gilead abgeht, stünde Kanada im Ernstfall gewiss nicht allein da. Genauso seltsam ist, dass Nicks Expertise nichts wert sein soll, bloß weil er damals an der Machtübernahme beteiligt war. Man würde doch meinen, dass das eine unbezahlbare Innensicht darstellt.

Kleine Beobachtungen

• Diesmal war es definitiv keine Einbildung, sondern bewusste Inszenierung von June als „Engel“ mit großen Flügeln hinter ihr.
• Apropos visuelle Schlüssel: Als June und Serena am Lincoln Memorial aufeinandertreffen, trägt June den Mundschutz und Serena eine Art Schleier über der oberen Hälfte ihres Gesichts. Die Mägde werden zum Schweigen gebracht, und die Ehefrauen verschließen die Augen vor dem Leid um sich herum.
• Die Charakterisierung von Lydia steht auf ähnlich wackligem Grund wie Serenas. Zuletzt haben wir erlebt, wie sie Mägde schlägt, jetzt plötzlich tröstet sie June und will ihr helfen.
• Ging es nur mir so oder hatte Winslows Verhalten gegenüber Fred so einen gewissen Vibe? Ich hatte echt das Gefühl, er flirtet irgendwie mit ihm.

5 von 5 zum Schweigen gebrachten Bananen.

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