Die Balkon-Chroniken | Teil 4: Ernte

Schwer zu sagen, was wir dieses Jahr hatten, ein Sommer war es jedenfalls nicht. Meine Balkonpflanzen fanden das auch, verfolgten aber sehr unterschiedliche Strategien, mich das wissen zu lassen.

Wollen wir gerecht bleiben, das ist bei weitem nicht der erste durchwachsene Sommer in Deutschland. Womöglich haben viele Menschen das nicht so mitgekriegt, aber ich durfte während meines Archäologie-Studiums ja so manchen Sommer bei Ausgrabungen komplett an der frischen Luft verbringen. Und da war es keineswegs die Ausnahme, dass es drei von vier Wochen regnete und wir mit drei Pullis übereinander auf der Fläche standen.

Das Bittere dieses Jahr ist, dass ich aufgrund fehlender Erfahrungswerte nicht weiß, ob und welche der Probleme, die ich mit meinen Balkonpflanzen hatte, auf das Wetter zurückzuführen waren. Gut möglich, dass einiges auch Pflegefehler waren. In zumindest einem Fall sind wohl auch Schädlinge schuld, dazu später mehr. Ein Fazit werde ich zwar erst ziehen, wenn auch die letzte Ernte eingebracht ist, doch schon jetzt kann ich sagen, dass die Ausbeute vergleichsweise gering war.

Radieschen

Die vielleicht größte Enttäuschung waren die Radieschen. Und zwar vor allem deshalb, weil das ein Gemüse ist, bei dem man eigentlich nichts falsch machen kann. Radieschen sind bei mir immer geworden, die gediehen dank unbemerktem Samenflug sogar schon mal zwischen den Blumen. Ich sage es offen: Von meinen fünf Versuchen in unterschiedlichen Töpfen ist nicht ein einziger gelungen. Im Normalfall sind Radieschen einen Monat nach dem Keimen erntereif, meine sahen selbst nach zwei Monaten so aus:

Was ihr hier seht, wird gemeinhin als „geschossen“ bezeichnen. Das heißt, die Radieschen sind zwar ordentlich in die Höhe gewachsen und haben viele Blätter ausgebildet, jedoch keine Knolle. Die möglichen Ursachen dafür sind vielfältig: zu viel oder zu wenig Wasser, zu wenig Sonne, zu kalt, falsche Erde, zu viel Dünger, sucht euch was aus. Da bei mir ausnahmslos alle Radieschenpflanzen so aussahen, habe ich insgeheim das Saatgut im Verdacht. Oder ich hab diesmal etwas grundlegend falsch gemacht. Dieselben Ergebnisse hatte ich übrigens auch beim Kohlrabi.

Pflücksalat

Okay, seht ihr, hier bin ich hin und her gerissen. Ich glaube nämlich, das hätte funktionieren können, wenn ich von vornherein deutlich mehr Platz dafür eingeplant hätte. Ich startete mit Lollo rosso und Lollo bionda in einem Balkonkasten sowie Rucola und Asiasalat in jeweils einem Topf. Der Rucola war hübsch anzusehen, brachte aber so schlanke Blätter hervor, dass ich daraus nicht mal für ein Model auf Diät einen Salat hätte zaubern können. Der Asiasalat wuchs fleißig, brachte aber wegen des kleinen Topfs auch nur wenig Ertrag, mit dem ich gerade mal gekaufte Salate auffüllen konnte.

Was genau mit den zwei Lollo-Sorten passiert ist, kann ich euch nicht wirklich sagen. Zunächst mal wuchs Lollo rosso von Anfang an kräftiger, während der bionda vom kleinsten Wind mal in diese, mal in jene Richtung gedrückt wurde. Rot wurde rosso allerdings nicht, obwohl ich extra lange mit der ersten Ernte wartete. Am Ende erntete ich zweimal, danach sah der Salat so traurig aus, dass ich die Reste entsorgte und lieber noch mal getrennt in zwei Töpfe säte. Erneut gab Lollo bionda schnell auf und wanderte schließlich ungenutzt in den Biomüll, Lollo rosso erntete ich einmal – rot war er auch diesmal nicht geworden.

Das Thema Feldsalat spare ich mir an dieser Stelle. Der sollte im Juli aufrücken, doch beide Töpfe wurden vom Mehltau erobert, kaum dass sie als Feldsalat erkennbar waren.

Zuckererbsen

Zwischendurch brachten die Zuckererbsen dann wenigstens einen kleinen Erfolg. Bei der Größe hatte ich mich allerdings völlig verschätzt, das riesige Rankgitter war eigentlich überflüssig, ein paar Bambusstäbe hätten es auch getan. Doch die Pflanze wuchs schön gleichmäßig und bekam Anfang Juni dann auch Blüten.

Nach der ersten Handvoll Erbsenschoten begannen die Triebe von unten her dann leider schon zu vertrocknen. Keine Ahnung, ob das an der kurzen Hitzewelle lag oder der natürlichen Halbwertszeit der Pflanze entspricht. Es schien jedenfalls ein aussichtsloses Unterfangen, sie aufpäppeln zu wollen, wenn unten bereits alles tot ist. Also fasste ich kurzfristig den Entschluss, stattdessen einen zweiten Kasten Bohnen zu säen, um das Rankgitter doch noch sinnvoll zu nutzen.

Bohnen

Eines vorweg: Das Thema Bohnen ist nur eine Momentaufnahme, ein endgültiges Urteil steht noch aus. Fakt ist aber, dass ich mich auch deshalb für Prunkbohnen entschied, weil ich von daheim wusste, dass die vergleichsweise robust sind und definitiv Ernte bringen. Ja, setzen wir „definitiv“ vorerst in Klammern, denn Dinge passierten. Es fing mit angeknabberten Blättern an, und mein erster Gedanke waren natürlich Raupen. Doch auch nachdem ich praktisch jedes Blatt dreimal umgedreht hatte, konnte ich keine einzige finden.

In der Zwischenzeit tauchten immer mehr Fraßschäden auf, und das Muster machte mich misstrauisch. Nach etwas Recherche bin ich ziemlich sicher, dass ich es hier mit dem Dickmaulrüssler zu tun hatte. Die Käfer verursachen diese typischen halbkreisförmigen Bissspuren, sind allerdings nachtaktiv, weshalb ich den Verdacht auch niemals verifizieren konnte. Das Ärgerliche daran: Die Käfer als solche sind lästig, aber im Grunde harmlos. Wesentlich schlimmer sind ihre Larven, die die feinen Wurzeln abfressen, was schließlich zum Absterben einzelner Triebe führt. Wirksam bekämpfen kann man die nur im Frühjahr und Herbst mit Nematoden, jedenfalls nicht im Hochsommer. Und nach wie vor ist das ein reiner Verdacht, der darauf beruht, dass ich immer wieder gelbe Blätter habe und ein Großteil der Blüten abfiel, ohne dass sich eine Frucht bildete.

Was es rückblickend umso schöner macht, dass ich einen zweiten Kasten angelegt habe. Der steht auf dem anderen Balkon, also weit genug entfernt, dass keine direkte Ansteckung möglich war. Und obwohl diese Bohnenpflanze durch die späte Aussaat Ende Juni nicht ganz so groß und dicht gewachsen ist, sieht sie viel gesünder aus und produzierte jede Menge Blüten, aus denen zumindest teilweise auch Bohnen werden. Aktuell gehe ich davon aus, dass ich ungefähr eine Handvoll ernten kann, also genug für immerhin eine Mahlzeit. (Über das Kosten-Nutzen-Verhältnis denke ich besser nicht nach, ich habe jedenfalls einen neugewonnenen Respekt für Bauern.)

Einlegegurken

Zu guter Letzt noch ein paar Zeilen zu den Gurken. Sie sind eigentlich der einzige Grund, warum ich die Saison nicht als Komplettreinfall betrachte. Ursprünglich waren nur zwei Kübel geplant, woraus kurzfristig drei wurden, worüber ich rückblickend ganz froh bin. Die Pflanzen wuchsen von Anfang sehr ordentlich, so dass ich schon nach einem Monat die Rankstäbe behelfsmäßig verlängern musste. (Eine der Pflanzen wuchs später so massiv, dass ich vom verlängerten Stab sogar noch einen Bindfaden ziehen und am Rollladen des Fensters befestigen musste.)

Kurz darauf kamen auch die ersten, zunächst rein männlichen Blüten. Doch irgendwas habe ich wohl richtig gemacht, denn es dauerte kaum eine Woche, bis auch die ersten weiblichen Blüten auftauchten. Anschließend verbrachte ich jeden Morgen damit, männliche Blüten zu pflücken und die weiblichen damit zu bestäuben. Nach etwa einem Monat hatte sich die Existenz der Pflanzen in der Insekten-Nachbarschaft dann herumgesprochen. Als schließlich fast durchgängig Bienen und Hummeln zugange waren, konnte ich meine Nachhilfe einstellen.

Insgesamt habe ich fünf Wochen hintereinander geerntet und sechs mittelgroße Einmachgläser füllen können. Ich ernte derzeit immer noch, jedoch nur noch einzelne Gurken, die ich nicht einlege, sondern frisch esse. Zum Einlegen von Gurken werde ich beizeiten noch einen Extra-Post machen, also lasst gerne schon mal Fragen da, wenn ihr welche habt.

Und wie geht’s nun weiter?

Es ist Mitte September und zumindest für mich ist die Saison damit eigentlich vorbei. Ein paar Ergebnisse stehen noch aus, beispielsweise der Mangold oder auch meine in Experimentierlaune gesäten Karotten. Außerdem bleibt es natürlich spannend, wie viele Bohnen es am Ende tatsächlich in den Kochtopf schaffen. Darüber werde ich in ein, zwei Monaten berichten, wenn ich mein endgültiges Fazit ziehe und über die Pläne fürs nächste Jahr spreche.