„A good score should have a point of view all of its own. It should transcend all that has gone before, stand on its own two feet and still serve the movie. A great soundtrack is all about communicating with the audience, but we all try to bring something extra to the movie that is not entirely evident on screen.“ (Hans Zimmer)
Kennt ihr das, wenn man bei einem guten Soundtrack die Augen schließt und einen die Komposition mitten in den Film zurückversetzt? Nicht? Nun, wer die Entwicklung von Filmscores in den letzten Jahren verfolgt hat, wird vor allem eines festgestellt haben: Die Stücke werden immer kürzer. Und so lautet meine provokante Frage für den heutigen Tag: Ist das noch Filmmusik oder schon TikTok?
Soundtracks als eigenständige Werke
Ich habe an der einen oder anderen Stelle im Blog sicher schon mal erzählt, dass sich mein Interesse an Musik als Teenager mehr oder weniger auf Soundtracks beschränkte. Das liegt vor allem daran, dass ich damals ein massiver Filmfan war und Musik generell eher langweilig fand. (Oh, wie sich die Zeiten doch ändern.) Ich war außerdem besessen von „Star Wars“, und wenn ich schon die Filme nicht täglich gucken konnte, so erlaubte mir John Williams’ Score doch wenigstens jederzeit täuschend echtes Kopfkino.
Nicht nur für mich war John Williams in der Hinsicht prägend, der Mann hat das Genre in einer Weise beeinflusst, die man sich kaum vorstellen kann. Bis heute nennt nahezu jeder Filmkomponist ihn als Vorbild. Dieses Erbe zeigte sich auch in dem unausgesprochenen Konsens, dass Scores eigene Werke sind, die unabhängig von den Filmbildern funktionieren. Und zwar nicht nur für Leute, die den Film tatsächlich gesehen haben, sondern auch für solche, die die Musik wie ein normales Album einfach so anhören.
Kompositionen mit mehreren Themen
Werfen wir einen genaueren Blick auf den Soundtrack der Special Edition von „The Return of the Jedi“, das ohne Übertreibung das meistgehörte Album meiner Sammlung ist. Bis auf ein Stück ist keines unter zwei Minuten lang, die meisten bewegen sich irgendwo zwischen drei und fünf Minuten. Und dann sind da die mit einer Länge von acht, neun, zehn, sogar elf Minuten. Auf genau die bezog ich mich eingangs, als ich davon sprach, wie einen die Musik in den Film hineinzuziehen vermag.
Gewiss doch, diese langen Stücke sind nochmals unterteilt in verschiedene Themen, die den Verlauf der Filmhandlung mit wechselnden Szenen widerspiegeln. Aber statt sie einzeln zu arrangieren, behandelt Williams sie wie eine einzige Komposition, in der eine Melodie in die nächste übergeht und auf diese Weise eine immersive Hörerfahrung entsteht. Lange Zeit war das Standard, selbst bei weniger klassischen Scores, doch zuletzt ist bedauerlicherweise eine Abkehr davon zu beobachten.
Stimmungen im Sekundentakt
Mir fiel das erstmals bei der Musik zum Reboot von „Daredevil“ auf. Beim Schauen stachen ein paar Melodien heraus, weshalb ich mir den Soundtrack der Newton Brothers einmal genauer ansah – und ziemlich enttäuscht wurde. Der Score für die acht Folgen ist kaum anderthalb Stunden lang, das kürzeste Stück hat eine Länge von 36 Sekunden (!), und nur vier sind länger als vier Minuten. Das sind kaum mehr als die Schnipsel, die in der Serie zu hören sind, und ganz sicher ist es keine Komposition.
Nicholas Britells zugegeben großartiger Score zu „Andor“ hat immerhin eine Länge von zweieinhalb Stunden, wurde aber auch – eine ebenso lästige Neuentwicklung – in drei Teilen veröffentlicht. Lassen wir die Main Themes einmal beiseite, sind sage und schreibe zehn Stücke unter einer Minute lang, die ganz große Masse unter zwei und nur fünf über vier Minuten. Sein Nachfolger Brandon Roberts schafft es bei der zweiten Staffel immerhin auf drei Stunden, und das Stück zur Endmontage ist sogar sagenhafte sechs Minuten lang.
Der Soundtrack als Beiprodukt
Der Trend ist eindeutig: Der Soundtrack ist nur mehr Begleiterscheinung von Serien und Filmen – „Merchandise“, mit dem man noch etwas Geld extra verdienen kann. Wieso die Komponisten das mitmachen, weiß ich nicht, die 30-Sekunden-Schnipselei kann denen doch genauso wenig Spaß machen wie uns Zuhörern. Oder liegt es am Ende daran, dass die Aufmerksamkeitsspanne immer weiter abnimmt und die Leute tatsächlich nicht mehr in der Lage sind, sich auf Musik einzulassen, die länger als ein TikTok ist?
Dass es auch anders geht, beweist übrigens Bear McCreary, den ich seit seinen Tagen bei „Battlestar Galactica“ absolut verehre. Für „Rings of Power“ hat er zusätzlich zum jeweiligen Staffel-Soundtrack für jede einzelne Folge Scores von rund 45 Minuten Länge veröffentlicht. Da kann man noch so richtig in Klangwelten schwelgen. Abgesehen davon aber bleiben uns Musikliebhabern wohl nur noch die ganz Großen wie John Williams, Hans Zimmer oder auch Jerry Goldsmith. Oder, mein Geheimtipp, die vielen „extended“ Versionen besonders beliebter Stücke bei YouTube.
10