„Relationships are … they can really sneak up on you.“
Ich erinnere mich noch lebhaft an das kollektive Luftschnappen im Kino, als sich damals im „Star Trek“-Film von JJ Abrams plötzlich Spock und Uhura küssten. Ja, dieser Film war in jeder Hinsicht anders, das hatten wir zu dem Zeitpunkt alle kapiert, aber Spock als Romantic Lead? Blasphemie! Betrachtet man jedoch Spocks Eskapaden in „Star Trek: Strange new Worlds“, kommt einem dieser Film heute geradezu harmlos vor. Willkommen bei „Der Bachelor: Vulcan Edition“.
Spock war Außenseiter – und Vorbild
Zunächst ein wenig persönlicher Kontext. Ich sah die Originalserie mit Kirk und Spock erst, nachdem ich zumindest Teile von „The Next Generation“ geschaut hatte. Die Art und Weise, wie in beiden Serien Beziehungen dargestellt wurden, unterschied sich dabei signifikant. Als Prä-Teen verfolgte ich die Abenteuer von Captain Picard und seiner Crew in erster Linie wegen der Aliens und fremden Welten, nicht wegen irgendwelcher Liebeleien. Mir war zwar bewusst, dass zwischen Riker und Troi offenbar irgendwas läuft, aber das war subtil genug, um es ignorieren zu können.
Kirks wöchentliche Flirts machten es mir nicht ganz so einfach. Während ich selbst älter wurde und in diese komische Phase namens Pubertät kam, fand ich das alles irgendwie albern und, unter uns gesagt, unsexy. Vielleicht ist sogar das der wahre Grund, warum ich mich so viel mehr mit Spock identifizierte, der mit einer Art milder Belustigung auf die menschlichen Dramen blickte. Er war mein Anker, bis ich später auch seine Wichtigkeit als Vorbild für alternative Lebensstile erkannte.
Die Vielfalt ist am Ende doch nur Einfalt
Ihr verdreht frustriert die Augen, ich weiß, und hey, ich verstehe das. Wenn uns die Medienlandschaft in den letzten Jahres eines bis zum Überdruss präsentiert hat, dann sind das alternative Lebensstile. Waren das noch Zeiten, als ein lesbischer Kuss bei „Buffy the Vampire Slayer“ einen halben Skandal auslöste. Es ist zwar gut und richtig, dass wir darauf heute wesentlich gelassener reagieren, dafür schwingt das Pendel nun aber ins andere Extrem.
Darum geht es mir aber gar nicht, denn wenn wir mal ehrlich sind, ist an diesen Lebensweisen letztendlich nichts „alternativ“. Mehrheitlich werden noch immer monogame Liebesbeziehungen gezeigt, und wer Single ist, ist das in der Regel unfreiwillig, sehr unglücklich damit und hart auf der Suche nach einem Partner. Ich meine, es klingt paradox, aber Filme und Serien sind damals wie heute verdammt konservativ!
Wer erinnert sich noch an das erstaunte Raunen auf Tumblr, als 2010 Steven Moffats „Sherlock“ ins Fernsehen kam? Für einen kurzen Moment schien es tatsächlich so, als wollte man den berühmten Detektiv als asexuell charakterisieren, interessiert nur am Rätsel, nicht am Austausch irgendwelcher Körperflüssigkeiten. Um seine sexuellen Präferenzen ging es dabei letztendlich gar nicht, sondern nur darum, zur Abwechslung mal eine Geschichte zu erzählen, die nicht komplett von einer Liebesbeziehung vereinnahmt wird.
La’an: „Well, I requested a solo mystery, yet the holodeck led me to believe I needed a partner. You.“
Spock: „It misunderstood your prompt?“
La’an: „That, I think it understood perfectly. I just didn’t take into account that the holodeck knew me better than I realized.“
Viel Fiction, wenig Science
Was mich zu Spock zurückbringt. Damals, im originalen „Star Trek“, war Spock der rationale Gegenpol zum Weiberheld Kirk. Die Serie verstand sich aber auch noch in erster Linie als Science-Fiction, während einem heute jeder Produzent sagen würde, dass es sich um eine Drama-Serie handelt. Dass das auch ein bisschen damit zu tun hat, dass auf Sci-Fi nach wie vor herabgeblickt wird, wie man sehr deutlich bei Preisverleihungen sehen kann („Andor“ anyone?), ist ein anderes Thema.
Wenn langjährige Trekkies darüber klagen, dass das heute nicht mehr ihr „Star Trek“ sei, ist das sicherlich melodramatisch überspitzt, aber nicht gänzlich falsch. Statt auf Aliens zu ballern reden Sternenflottenoffiziere jetzt über ihre Gefühle. Der Berufsalltag wird zum Nebenschauplatz, denn wer will schon sehen, wie ein Nebel kartographiert wird, wenn wir stattdessen einem Abendessen in der futuristischen Bar beiwohnen können? Diplomatische Verwicklungen? Pfff, wir kochen lieber gemeinsam im Quartier des Captains.
Meine Theorie lautet: Spock macht den Autoren von „Strange new Worlds“ eine Heidenangst. Immer wieder wird seine Andersartigkeit betont, weil er halb Mensch und halb Vulkanier ist, doch am Ende schreibt man ihm Liebeleien auf den Leib, die menschlicher nicht sein könnten. Es fehlt der Mut, ihn tatsächlich als anders zu zeigen, und das schadet nicht nur der Figur, sondern am Ende der ganzen Serie. Einfach, weil die Geschichten dadurch austauschbar werden.
Weniger Beziehung wagen
Lasst euch indes nicht täuschen. Auch wenn derzeit vor allem über „Star Trek“ geredet wird, ist das ein generelles Problem in Genreserien. Niemand sagt, dass es in Science-Fiction nicht auch um Beziehungen gehen kann, wenngleich ich mir manchmal wünschen würde, dass man dann wenigstens die ganze Bandbreite ausschöpft. (Freundschaften, platonische Liebe, Seelenverwandtschaften, Polyamorie, die Liste ist endlos.) Inzwischen ist es jedoch so, dass man oft schon in der ersten Folge mit dem Finger drauf zeigen kann, wo entsprechendes Drama vorbereitet wird.
Und es hilft nicht, dass Serienstaffeln heute praktisch nur noch überlange Filme sind. Klar fällt eine in acht bis zehn Folgen gequetschte Liebesgeschichte stärker ins Gewicht als in einer Staffel mit 20+ Folgen. (Zu dem Thema habe ich demnächst auch noch was zu sagen.) Also, wo sind die mutigen Autoren, die ihre Zuschauer nicht nur mit „Shipping“ an ihre Serie binden, sondern mit guten Storys? Mit Figuren, die sich nicht allein über ihre Beziehungen definieren? Ich würde es gucken.
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