„It’s not a good time to be an American in Canada.“
June und Serena wissen nicht, wohin sie der Zug bringt, und schließen fürs erste Frieden, um einander zu helfen. Spoiler!
I am not responsible for your tragedies
June und Serena tun sich vorläufig zusammen, um die Fahrt ins Unbekannte zu überstehen. Obwohl June ihre Hilfe Mal um Mal ablehnt, bleibt Serena hartnäckig und besorgt sogar einen Arzt, als sich ihre Operationsnarbe am Arm entzündet. Der aber ist selbst ein Flüchtling aus Gilead und erkennt Serena, worauf er den Sicherheitsdienst im Zug alarmiert. Als die Frauen, die in den letzten Stunden ihre Lebensgeschichten erzählt haben, davon erfahren, wollen sie Serena am liebsten mit bloßen Händen töten. June versucht vergeblich, die Situation zu deeskalieren.
Ein ungewöhnlich ruhiger Auftakt
Komisches Gefühl, zum letzten Mal eine Staffel „The Handmaid’s Tale“ zu beginnen. Und wie ich schon beim vorherigen Finale schrieb, bin ich sehr gespannt, welche losen Enden sie noch vertäuen können, ohne den „Zeuginnen“ zu viel vorwegzunehmen. „Train“ jedenfalls beginnt vergleichsweise reduziert und konzentriert sich vorwiegend auf Junes und Serenas Reise. Zwar unternehmen wir auch kurze Abstecher zu Nick und Moira, aber im Wesentlichen liegt der Fokus auf der Zugfahrt. Ein Übergang, vielleicht in mehrfacher Hinsicht.
„I know you don’t want my help. I realize that. And you don’t have to accept it, and I understand that, too. But God would want me to help. I need to after everything.“
Serena bleibt schwer zu fassen
Wenn ihr meinen Reviews lange genug folgt, wisst ihr, dass ich eine komplizierte Beziehung zu Serena habe. Für meinen Geschmack waren die Autoren bei ihrer Charakterisierung immer zu inkonsequent. Mal schien sie durch und durch böse, dann wieder geläutert, und es ist nur logisch, dass wir das auch diesmal nicht mit Gewissheit sagen können. Ja, allein in „Train“ wandelt sie sich von der demütigen Flüchtigen zur verbitterten Anklägerin und schließlich zum Opfer. Das ist schwierig, aber vielleicht auch deshalb, weil es realistisch ist?
Ich glaube, dass Serena von den Geschichten, die die Frauen erzählen, aufrichtig erschüttert ist – nicht zuletzt, weil sie wegen ihres Babys selbst so viel durchmachen musste. Aber, und dieses Aber ist entscheidend, sie ist nach wie vor der Meinung, dass diese Frauen (nicht sie selbst wohlgemerkt) ihr Leid selber verursacht und somit im Grunde verdient haben. Das ist ein wichtiger Hinweis, dass sie Gilead letzten Endes immer noch für richtig hält und seine Ideen unterstützt. (Kognitive Dissonanz, schätze ich.)
Alttestamentarische Sitten
Viel faszinierender ist der Umgang der anderen Frauen mit Serena. Denn mein erster Gedanke war, dass sie auch nicht besser sind, wenn sie Gleiches mit Gleichem vergelten wollen. Aber Tatsache ist, dass sich ihre Wut eigentlich nicht sehr von der unterscheidet, die wir anfänglich bei June gesehen haben. Auch sie wollte Serena einmal eigenhändig töten. Der einzige Unterschied ist, dass June inzwischen Zeit hatte, ihre Erlebnisse zu verarbeiten.
Dennoch zeigt sich hier ein wesentlicher Aspekt der menschlichen Natur, über den niemand so gerne spricht. „She doesn’t deserve to have a baby“, sagt eine der Frauen und merkt nicht einmal, dass sie sich damit auf eine Stufe mit Gilead stellt. Sie sagt nur mit anderen Worten, dass Serena „unfit“ ist, Mutter zu sein. Damit will ich nicht sagen, dass Serena keine Strafe verdient, aber was hier offenbart wird, ist pure Missgunst.
Und noch viel bedrückender ist, wie sich die Situation allein durch die Menge der Beteiligten aufschaukelt. In der Masse fühlen sich diese Frauen plötzlich stark, das ist verständlicherweise ein gutes Gefühl nach der jahrelangen Unterdrückung. Wenn sie gemeinsam gegen die Tür schlagen, bis die Scheibe zerbricht, dann hat das fast etwas Animalisches. Das „you fucking traitor“ zu June ist indes bitter, wenn man bedenkt, was sie alles geleistet hat.
„You built the fucking place. It belongs to you. You’re the rat that doesn’t get to jump off the ship. You’re the rat that sinks!“
Ein unerwartetes Wiedersehen
Da die Momente der Freude in dieser Serie so rar gesät sind, müssen wir unbedingt auch über das Ende der Folge sprechen. Nach beschwerlicher Reise endet der Zug schließlich nicht wie geplant in Vancouver, sondern in Alaska. Die amerikanische Flagge mit nur noch zwei Sternen war ehrlich gesagt ein ziemlich starkes Symbol und schlägt eine Brücke zu der Szene zwischen Tuello und Moira. Tuello erklärt, dass Kanada das verbliebene Amerika nicht mehr als Staat anerkennt und stattdessen seine Beziehungen zu Gilead stärken will.
Bei aller Ungewissheit über Luke und Hannah erlebt June in Alaska ein kleines Happyend, als sie mit ihrer Mutter Holly wiedervereint wird. Ich hatte sie ehrlicherweise völlig vergessen und ging irgendwie immer davon aus, dass sie auch in Gilead gelandet ist, vermutlich in den Kolonien. Dabei ergibt es viel mehr Sinn, dass sie rechtzeitig geflohen ist, denn sie versuchte June damals noch zu warnen, dass irgendetwas in der Luft liegt.
Blessed be the fruit
• Ich will nicht unsensibel sein, aber jemand, der Frau und Kind in Gilead verloren hat, sollte vielleicht besser kein Polizist sein. Das Mitgefühl für andere Opfer kann nämlich, wie man hier sieht, ganz schnell in Amtsmissbrauch gegenüber den Tätern münden. Gleiches gilt für den Arzt, aber der war in erster Linie creepy.
• Universell die größte Hürde für den Frieden: Niemand kann oder will verzeihen. Es ist immer Auge um Auge, Zahn um Zahn, ohne Ende.
• Ach ja, und Nick ist wieder frei, offenbar dank High Commander Wharton, dem Vater seiner Frau Rose. Die ihn wohl auch zurücknehmen muss, obwohl sie ihn letzte Folge in die Wüste geschickt hat. Hach, die Freuden Gileads.
4 von 5 Bananen, die eine frische Windel brauchen.