The Handmaid’s Tale | Exile (6×02)

„Do you know why we call ourselves Sons of Jacob? It’s because too many of us had to make do without real fathers.“

Trotz ihrer Sorgen um Luke lebt sich June gut in Alaska ein. Serena findet Unterschlupf in einer Kommune von Frauen. Spoiler!

Time to bring Serena back to Gilead

June und Nichole finden bei Holly in Alaska ein neues Zuhause, auch wenn Lukes Anklage weiterhin wie ein Damoklesschwert über ihnen hängt. Was Luke June verschweigt: Während er auf seine Anhörung wartet, haben er und Moira sich für eine Mission von Mayday gemeldet. Erst, als er zwei Monate später nicht mehr auf ihre Anrufe reagiert, wird June misstrauisch und erfährt von Tuello, dass sie den Kontakt zu ihnen verloren haben. Serena findet derweil mit Noah in einer kanadischen Kommune einen Ort zum Leben. Doch Lawrence soll sie als Zugpferd für New Bethlehem nach Gilead zurückholen.

Parallel und doch so verschieden

Auch wenn ich wirklich nicht glücklich darüber bin, dass Serena so viel Aufmerksamkeit bekommt, während andere bislang vergessen werden (Janine anyone?), ist es erzählerisch zweifellos gut gelungen, wie Junes und Serenas Leben im Exil gegenübergestellt wird. Während June sich Holly wieder annähert (was nicht ohne Konflikte bleibt), findet Serena in Abigail eine Ersatzmutter, die sie so nimmt, wie sie ist. Einzig die Relevanz der Rückblenden zu Serenas Vater hat sich mir nicht erschlossen, wäre ihr Verhältnis zu ihrer Mutter für die Story nicht interessanter gewesen?

Serena: „I feel God here.“
Lawrence: „Well, can’t you feel him there? I thought God was everywhere. If not, bring him along. Show other people the way. Isn’t that your true purpose, Serena? Isn’t that your calling?“

Pragmatismus vs. Geltungssucht

Man hätte wahrscheinlich keine ganze Folge gebraucht, um das herauszuarbeiten, aber „Exile“ zeigt deutlich wie nie zuvor den entscheidenden Unterschied zwischen June und Serena auf. Beide sind auf ihre Weise Heilsfiguren, aber wo June immer nur getan hat, was nötig ist, um zu überleben und die zu beschützen, die ihr teuer sind, strebt Serena seit jeher nach einer aktiven Führungsrolle.

Obwohl June in Alaska eine Ruhe und Sicherheit findet, die ihr nicht einmal Kanada bieten konnte, hört sie nie auf, sich um andere zu sorgen. Um Luke, der weiterhin in Kanada festsitzt, aber auch um all die unbekannten Frauen, die immer noch in Gilead sind. Dass sie sich weiterhin weigert, ihre Marke am Ohr entfernen zu lassen, ist ein starkes Symbol. Aber es ist ihr schlichtes „let’s bring them home“ am Ende, das sie am besten charakterisiert.

Serenas Gedanken hingegen sind nie dort, wo sie sich gerade befindet. Die Kommune bietet ihr Schutz, aber das Leben dort erfüllt sie nicht, und so braucht sie tatsächlich nicht lange, um sich von Commander Lawrence zur Rückkehr nach Gilead überreden zu lassen. Und ihre Begründung sagt eigentlich alles, was man über sie wissen muss: „The world is broken, and I am being called to heal it.“

Nick entscheidet sich für Gilead

Ein weiteres Thema, auf das „Exile“ den Fokus legt, sind Entscheidungen. Statt die Hände in den Schoß zu legen und darauf zu warten, dass andere über ihn urteilen, entscheidet sich Luke dafür, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Über den langfristigen Nutzen der Mission mag man streiten (die Commander zu töten, die das Flugzeug abgeschossen haben, bringt genau was?), aber für Luke ist es in dem Moment wichtig, etwas zu tun, was er für richtig hält.

Noch deutlicher wird man bei Nick. Vielleicht ohne es zu ahnen, findet Wharton exakt die richtigen Worte, um seine Loyalität zurückzugewinnen: Triff Entscheidungen, die deinem Sohn nutzen, nicht schaden. Nick mag mit den Grundsätzen Gileads nicht übereinstimmen, vielleicht ist er auch immer noch idealistisch genug, zu glauben, dass Lawrence irgendwas ändern wird. Aber er weiß, er bringt seine Familie in Gefahr, wenn er weiter für Tuello den Spion spielt.

Zwischendurch hatte ich sogar den Verdacht, dass Nick im Grunde immer nur um Junes Willen gegen Gilead gekämpft hat. Geht das nur mir so? Haben wir je einen Hinweis erhalten, dass er das System grundsätzlich ablehnt? Und in dem Augenblick, als er von Tuello erfährt, dass June und Nichole in Sicherheit sind, mutmaßlich endgültig außerhalb der Reichweite Gileads, ist sein Kampf eben zu Ende.

„You’ll be a father soon. And you’ll set the standard for your son. And remember, every choice you make, ask yourself what kind of example you’re setting for him. How’s he gonna feel? Will this help him or hurt him? Make good choices, son.“

Ein vermeintlicher Neuanfang

Apropos, das Projekt New Bethlehem scheint ein durchschlagender Erfolg zu werden, wenn man Lawrences Worten glauben kann. Angeblich ertrinken sie in Anträgen. Es muss den Autoren wirklich einen Heidenspaß machen, fundamentale Aussagen wie diese in vermeintlich unwichtigen Dialogen zu verstecken. Zeigt das Interesse doch, wie schnell Menschen vergessen.

Zur Erinnerung: New Bethlehem richtet sich an Rückkehrer. An Frauen, die unter Gilead unmenschlich gelitten haben. Die so gebrochen ist, dass sie sich kein „normales“ Leben mehr vorstellen können. Die nirgends mehr willkommen sind (siehe Kanada). Oder die, wie Rita, immer noch hoffen, auf diese Weise mit Angehörigen wiedervereint zu werden. Es ist perfide.

Blessed be the fruit

• Holly war tatsächlich in den Kolonien, ich hatte vergessen, dass das schon mal gesagt wurde. Sie hat überlebt, weil selbst in einer Gesellschaft wie Gilead Ärzte noch wertvoll sind. Und sie wurde selbst erst vor sechs Monaten befreit.
• Ich hätte gerne mehr über Abigail erfahren. Sie nimmt Serena auf, obwohl sie sie sofort erkennt, aber sie spricht sie keineswegs von ihrer Schuld frei. Im Gegenteil, sie besteht darauf, dass Serena die Verantwortung für das übernimmt, was sie getan hat.
• Herrlich auch das Tischgebet, bei dem schmerzlich offensichtlich wird, wie sehr Commander Lawrence und Naomi Gott am Arsch vorbeigeht.

4 ½ von 5 Bananen, die sich für Jesus halten.

Vorherige Folge
Nächste Folge
Zurück zur Staffelübersicht