“I will avenge my family… Then I will join them in death. Every member of the Yōtei Six will suffer.”
Worum geht es?
Mehr als 300 Jahre nach den Ereignissen um Jin Sakai in Ghost of Tsushima betritt eine junge Frau, Atsu, ihre Heimat nach langer Abwesenheit erneut.
Doch der Grund ihrer Heimkehr ist so tragisch wie blutig: Sie kommt, um Rache zu nehmen für den Tod ihrer Familie. Fürst Saito und fünf seiner Anhänger ermordeten vor 16 Jahren Vater, Mutter und Bruder Atsus, spießten sie selbst an einen Baum und setzten ihn in Brand. Die damals erst Zwölfjährige überlebte schwer verletzt, konnte aus ihrer Heimat fliehen und im Laufe der Jahre ihre Kampffertigkeiten schulen. Nun kehrt sie zurück, um die Yōtei-Sechs, also Saito und seine fünf Anhänger, dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Danach plant sie ihren Selbstmord, um sich im Jenseits wieder mit ihrer Familie zu vereinen.
Mit dieser düsteren Prämisse wandert sie durch die Gegend um den Berg Yōtei (heutiges Hokkaido) und trifft dabei auf weitere Widerstandskämpfer, die gegen die Herrschaft der Yōtei-Sechs aufbegehren. Denn diese, die so blumige Namen tragen wie Schlange, Fuchs, Oni (Dämon), beziehungsweise das Brüderpaar Drache und Spinne, haben sich in den letzten 16 Jahren in der Gegend breitgemacht und tyrannisieren nun die Bevölkerung.
Das macht es Atsu natürlich einfach, Gleichgesinnte zu finden, die sie beispielsweise im Umgang mit neuen Waffen wie dem Speer, dem Doppelkatana oder der Kettensichel schulen.
Nach und nach heftet sich Atsu an die Fersen der Yōtei-Sechs, doch je mehr Menschen sie kennenlernt und je tiefer sie in die tragischen Geschehnisse der Nacht eintaucht, die ihrer Familie das Leben kosteten, desto mehr kommen ihr Zweifel, ob eine blutige Rache ohne Rücksicht auf Verluste wirklich das ist, was sie will. Möchte sie der titelgebende Geist sein, der eine Spur des Todes hinterlässt?
Wie ist es?
Grafisch ist Ghost of Yōtei wie schon der Vorgänger einfach eine Wucht. Die verschiedenen Regionen, in denen sich die Yōtei-Sechs verschanzt haben, sind abwechslungsreich, es gibt Bambuswälder, Ginkgohaine, Meere aus verschiedenfarbigen Blumen oder tief verschneite Landschaften. Atsus Rüstungen und Waffen lassen sich farblich anpassen, alles ist schön detailreich gestaltet. Auf Atsus Wanderung trifft sie auch auf die Ainu, Japans Ureinwohner, denen die Geschichte – wie wohl allen Ureinwohnern unseres Planeten – übel mitgespielt hat. Ghost of Yōtei setzt ihnen ein liebevolles Denkmal, wofür das Spiel auch hochgelobt wurde.
Wie im Vorgänger kann sich Atsu in Momenten der Muße mit Dingen wie dem Shamisenspiel oder der Anfertigung von Naturzeichnungen beschäftigen. Das Dichten von Haiku in Ghost of Tsushima hat mir aber besser gefallen, ich fand es kreativer und im Ergebnis weniger vorgegeben.
Ich möchte hier ohnehin den allgemeinen Vergleich zu dem Vorgänger ziehen: Jins Geschichte fand ich insgesamt anrührender und vielschichtiger als Atsus. Während sie getrieben ist von ihrer persönlichen Rache, zerfrisst Jin nicht nur der Schmerz um die Niederlage der Samurai gegen die mongolischen Invasoren, sondern auch seine eigene Zerrissenheit zwischen dem heroischen Kodex der Samurai und dem plötzlich viel praktischeren, aber ehrlosen Leben als Meuchelmörder, Dieb und Giftmischer. Zwischen seinem alten Leben als Held und Ziehsohn eines Fürsten und seinem neuen im Schatten des Geist-Mythos.
Auch Atsu macht einen Sinneswandel durch, geformt und gefördert durch die Menschen, die sie trifft, doch Jins wirkt auf mich berührender und tiefgehender. Auch ist die Reaktion der Menschen auf die Invasion der Mongolen akuter, es sind beispielsweise ganze Flüchtlingslager in Tempeln und Burgen entstanden, wohingegen die Yōtei-Sechs seit 16 Jahren herrschen und sich die meisten Menschen bereits damit arrangiert haben – oder es sogar gutheißen, bieten diese dem armen Volk doch auch neue „Jobmöglichkeiten“ in deren Armeen.
Ghost of Yōtei ist dennoch ein würdiger Nachfolger, der das bewährte „Kill Bill“-Motiv sehr schön ins Japan des 17. Jahrhunderts transferiert. Atsu ist ein cooler Charakter, nicht zu stark und unbesiegbar, dafür mit einer guten Portion schwarzem Humor gesegnet. Es macht Spaß ihr zu folgen und nach und nach ihre Geschichte und die Hintergründe zu enthüllen.
(Während ihrer Wanderschaft entdeckt Atsu auch das alte, inzwischen überwucherte Versteck des Ghost of Tsushima, dem, wie ein Geschichtenerzähler betont, legendären Kämpfer für Gerechtigkeit, dreihundert Jahre zuvor. Hier erfährt man, was aus Jin wurde, den es offenbar von Tsushima in den Norden Japans verschlagen hat. Es gibt vage Andeutungen, wie sein Leben weiter verlaufen ist – kleiner Spoiler: Es schien ihm nicht schlecht ergangen zu sein. So etwas erfreut mein Fan-Herz.)
Was kommt danach?
Wie üblich ist so kurz nach dem Playstation 5-Release im Herbst 2025 noch nichts über eine Fortsetzung bekannt. Die Ghost of-Reihe erzählt aber keine zusammenhängende Geschichte, es kann also durchaus noch einen Teil geben, der nach dem 17. Jahrhundert spielt, mit einer anderen Figur, die sich den Mythos eines Geistes zu eigen macht. Stoff genug böte zum Beispiel die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Meiji-Restauration und das Spannungsfeld um die Abschaffung des Shogunats und das Aufbegehren der letzten Samurai. Oder sogar das moderne Japan und die heutigen, ganz eigenen Möglichkeiten, der titelgebende „Geist“ zu werden?
Die Spieleschmiede Sucker Punch Productions hat jedenfalls erneut gezeigt, dass sie eine vielschichtige Geschichte mit wunderschöner Grafik und vorlagengetreuer Umsetzung entwickeln kann, die der japanischen Geschichte und Kultur respektvoll begegnet.
Doch wäre Ghost of Yōtei der letzte Teil, wäre es auch ein durchaus gutes Ende ohne lose Enden und offene Fragen. Ich bin für alles offen und bin neugierig auf mehr oder etwas ganz Neues.