Die Serie, ein Auslaufmodell?

Serienformate haben sich in den vergangenen Jahren massiv verändert. Sie stehen Filmen heute näher als den Serien der 1980er und 90er und könnten aus genau diesem Grund schon bald jede Relevanz verlieren. Ihr Publikum verlieren sie jedenfalls schon heute. Denn die immer stärkere Rationalisierung von Produktionen höhlt exakt das aus, was einst den Siegeszug des Mediums einleitete: Zeit und emotionale Bindung.

Vom Episodischem zum Epischen

Von „Star Trek“ einmal abgesehen, war die erste Fernsehserie, die ich als Teenager einigermaßen konsequent verfolgt habe, „Akte X“. Die Mystery-Show ist ein Paradebeispiel dafür, wie Serien damals funktionierten: Jede Staffel hatte zwischen 20 und 25 Folgen, die in sich abgeschlossene Geschichten erzählten, außerdem gab es jedes Jahr eine neue Staffel. Ein paar Themen liefen mit der Zeit auch mal folgen- und sogar staffelübergreifend, aber im Großen und Ganzen war es nicht schlimm, wenn man mal eine Folge verpasste.
Das änderte sich erst mit dem Start von „Lost“, denn für mich war das die erste Serie, die eine durchgehende Geschichte erzählte. Zwar waren die einzelnen Folgen noch immer in sich geschlossen, da jede Woche eine andere Figur im Mittelpunkt stand, aber ließ man jetzt eine Folge aus, konnte es passieren, dass man völlig den Faden verlor. Es war ein Experiment, das vor allem deshalb funktionierte, weil die Zuschauer auch hier (zumindest anfangs) über ungefähr 20 Folgen pro Staffel gebunden wurden.

Füllepisoden zeugen von echtem Luxus

Obwohl sich „Akte X“ und „Lost“ in der Erzählweise unterschieden, operierten sie formal gesehen immer noch nach dem gleichen Prinzip. 20+ Folgen je Staffel boten viel Zeit, das geschaffene Universum mit Leben zu füllen. Das führte zwar zu teils absurden Füllepisoden wie die inzwischen berühmte „Lost“-Folge über Jacks Tattoo, aber die Autoren hatten dadurch auch viel Freiheit, um die Figuren zu entwickeln. Selbst Nebenfiguren bekamen auf diese Weise mehr Screentime als heute so manche Hauptfigur.
Interessanterweise dokumentiert „Lost“ zugleich den Übergang zu kürzeren Staffeln, denn in ihrem vierten Jahr wurde die Anzahl der Folgen moderat reduziert. Ein Trend, der sich ab etwa 2010 verfestigte, zunächst wurden Staffeln mit 10 Folgen Standard, inzwischen sind es 8 mit dem gelegentlichen Ausreißer auf 6, was womöglich schon die nächste Eskalationsstufe ankündigt. Von Serien kann hier praktisch keine Rede mehr sein, das sind Filme, die auf Überlänge aufgeblasen werden – mit allen Begleiterscheinungen.
Der Punkt ist, für eine durchgehende Handlung (analog zu einem Film) mögen 8 Folgen ausreichen, solange sich die Autoren auf den Plot konzentrieren und unnötige Nebenhandlungen weglassen. Echtes serielles Erzählen ist so aber fast nicht mehr möglich, denn wenn jede Folge eine neue Geschichte aufmachen muss, bleibt einfach keine Zeit für das nötige Zwischengeplänkel. Allzu komplexe Charakterentwicklung braucht man in beiden Fällen nicht zu erwarten, meist bleiben die Figuren Stereotype.

Die Serie als Alltagsbegleiter

Ein weiterer wichtiger Punkt: 20 Folgen hieß auch, dass die Serie 20 Wochen im Jahr „on air“ war. Und damit im Alltag der Menschen. „Lost“ war auch deshalb so erfolgreich, weil wir alle jede Woche einschalteten und dann darüber redeten. Die Serie war Teil unseres Lebens, und das über einen Zeitraum von jeweils einem halben Jahr. Wir hatten viel Zeit, eine emotionale Bindung aufzubauen, mitzufiebern, Theorien zu entwickeln. Es war gleichzeitig die Blütezeit von Fan-Webseiten und Diskussionsforen.
Auch wenn ich mir das analoge Fernsehen sicher nicht zurückwünsche, ist das etwas, was das moderne Streaming zwar nachzuahmen versucht, aber kläglich daran scheitert. Ihnen geht es bei der wöchentlichen Veröffentlichung nur darum, die Zuschauer im Abo zu halten, erzählerisch ist die Aufsplittung bei durchgehender Handlung oft sogar kontraproduktiv. Auf der anderen Seite entwickelt sich bei 8 Folgen auch einfach nicht der gleiche Sog – vor allem, wenn gleichzeitig noch fünf andere „Eventserien“ laufen.

Serien werden irgendwann schlicht vergessen

Das größte Problem, das ich bei heutigen Serien sehe, ist allerdings der Produktionsaufwand. Aus Gründen, die für mich als Laien nicht nachvollziehbar sind, war es vor dreißig Jahren noch möglich, jedes Jahr 20+ Folgen zu schreiben, zu filmen und nachzubearbeiten, während heute für 8 bis 10 Folgen drei Jahre oder mehr benötigt werden. Doch selbst die beste Serie verliert ihr Momentum, wenn sie für mehrere Jahre völlig von der Bildfläche verschwindet.
Für mich beispielsweise ist es mittlerweile praktisch normal, dass ich bei jeder neuen Staffel einer Serie zuerst noch mal die letzte Folge der vorherigen Staffel schauen muss. Nicht nur wegen der langen Pause, sondern auch, weil ich dazwischen hundert andere Serien geschaut habe, bei denen ich aktuell auch auf eine Fortsetzung warte. Oder halt nicht: Die Gefahr, irgendwann das Interesse komplett zu verlieren, ist groß. (War da was, „Stranger Things“?)

Es muss erst noch schlimmer werden …

Ich wünschte, ich könnte mit einem positiven Ausblick enden. Doch mein Gefühl sagt mir, dass wir uns gerade mitten im freien Fall befinden und der Boden noch nicht mal in Sicht ist. Wahrscheinlich brauchen die Produktionsfirmen noch eine Weile, bis sie merken, warum ihre Serien mit jeder neuen Staffel weniger Zuschauer locken. Und sehr wahrscheinlich werden noch jede Menge gute Serien abgesetzt, bevor man (vielleicht) umsteuert.
Wir werden keine 20-Folgen-Staffeln mehr kriegen, das ist klar. Kein Schauspieler würde sich heute noch für so etwas verpflichten. Aber 15 wären schon mal ein guter Kompromiss und auch für die Autoren dankbarer. Viel wichtiger aber wäre, das Tempo zu erhöhen – wo auch immer der Flaschenhals sein mag. Ich warte einmal zwei Jahre auf „House of the Dragon“, vielleicht auch ein zweites Mal, aber beim dritten Mal überlege ich es mir dann halt doch.