The Handmaid’s Tale | The Handmaid’s Tale (6×10)

„Boston is free. The Gilead occupation is over. We won. Here, at least. Boston is America again. Praise fucking be.“

Nach der Befreiung Bostons formieren sich Amerika und Gilead neu. Für June und Luke aber ist der Kampf noch lange nicht zu Ende. Spoiler!

I am become death, destroyer of worlds

Boston ist frei und wieder in den Händen Amerikas, doch Gilead ist längst nicht besiegt. Während Tuello die nächsten Schritte plant, wurden bereits neue Commander befördert. Tante Lydia arbeitet nun undercover für Mayday und schafft nicht nur Janine raus, sondern bringt auch Naomi dazu, ihr ihre Tochter wiederzugeben. Derweil treffen aus Alaska Holly und Nichole ein, doch eine glückliche Familie werden June und Luke so bald nicht wieder sein. Die beiden gehen vorerst getrennte Wege, um weiter gegen Gilead zu kämpfen und hoffentlich irgendwann auch Hannah zu befreien.

Ein Abgesang

Ich denke, wir sind uns alle einig, dass „Execution“ das eigentliche Serienfinale war und „The Handmaid’s Tale“ nurmehr eine Art Epilog darstellt. Ob wir den wirklich gebraucht haben, da bin ich mir gar nicht so sicher, denn als jemand, der „Die Zeuginnen“ gelesen hat, wusste ich bereits, dass es kein Happyend geben kann. Und so fühlt sich die Folge ein wenig verloren an, wie der lobenswerte, aber unweigerlich zum Scheitern verurteilte Versuch, uns ein offenes Ende als Abschluss zu verkaufen.

„It doesn’t matter how angry I get. It doesn’t matter how unfair it is. They stole my life. And I want it all back the way it was supposed to be. But that’s fucking pointless. Some things are impossible.“

Abschiede und Wiedersehen

Ein paar Dinge macht man auf jeden Fall richtig. Dass June und Luke getrennte Wege gehen, ergibt Sinn, tatsächlich war es eines meiner wiederkehrenden Themen zu Beginn der Serie, dass ich nicht sehe, wie die Beiden jemals wieder zusammenfinden können. Und es ist wichtig, das nicht als Versagen zu sehen, denn zwischen ihnen ist immer noch so viel Liebe. Aber beide haben sich durch die Erfahrungen der letzten Jahre verändert, und es ist gut, dass man das endlich anerkennt.

Das Wiedersehen mit Emily war für mich alles! Ich habe erst jetzt gemerkt, wie sehr ich sie vermisst habe. Emily war eine der interessantesten Figuren der frühen Staffeln, und ich war enttäuscht, als man es damals in „Morning“ so hinstellte, als wäre sie nach Gilead zurückgekehrt, weil sie mit der Freiheit überfordert war. Jetzt zu hören, dass sie im Untergrund tätig war, tut einfach gut. Und welch schöne Ellipse, dass sie annähernd die gleichen Worte über die Eisdiele sagt wie damals bei ihrem ersten Gespräch mit June.

Serena schlüpft erneut durch die Ritzen

Serena, ja, das ist so ein Thema für sich. Wie die Geschichte für sie endet, ist vielleicht die größte Enttäuschung der Serie. Ich glaube, viele Zuschauer haben inzwischen vergessen, wie grausam sie zu June war, oder welche Rolle sie bei der Entstehung von Gilead gespielt hat. Zwar ist ihr aktueller Status weit von einem Happyend entfernt (weder Kanada noch die EU will sie), aber sie hat nichtsdestotrotz, was sie immer wollte: ein Kind.

Vor allem aber fällt sie einmal mehr auf die Füße und kommt ohne jede Strafe davon. (Ging es nur mir so oder wurde tatsächlich sogar angedeutet, dass Tuello ihr dritter Ehemann werden könnte? Da war doch eine gewisse Spannung, oder?) Dass June ihr verzeiht, kann ich auf der anderen Seite aber verstehen. Sie tut das nicht Serena zuliebe, sondern für sich selbst, weil sie dieses Kapitel endlich schließen muss, um in die Zukunft blicken zu können.

„Fighting may not get us everything, but we don’t have a choice. Because not fighting is what got us Gilead in the first place. And Gilead doesn’t need to be beaten. It needs to be broken.“

Ein wohlverdientes Happyend für Janine

Oh, aber wartet, ein Happyend gibt es in „The Handmaid’s Tale“ ja doch: Janine kriegt ihre Tochter wieder. Das war ein wahnsinnig emotionaler Moment. Vor allem, zu sehen, wie sich June natürlich für sie freut, aber gleichzeitig diesen Stich verspürt, weil sie Hannah noch immer nicht wiederhat. Und orchestriert hat diese Wiedervereinigung niemand geringeres als Lydia, die offenbar fest entschlossen ist, ihre Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen.

Übrigens ist es tatsächlich eine Überlegung wert, wieso Naomi Agnes/Charlotte am Ende aufgibt. Die naheliegende Antwort ist, dass sie weiß (und immer wusste), dass ein Mädchen in Gilead keine Zukunft hat. Wenn ich aber daran zurückdenke, dass sie eigentlich nie ein Kind wollte und es nur als unvermeidliches Accessoire gesehen hat, vermute ich fast, es war Lawrences echte Liebe für dieses Mädchen, die sie zur Besinnung gebracht hat.

Eine kluge Serie, die den richtigen Moment fürs Ende verpasst hat

Was bleibt zu sagen? „The Handmaid’s Tale“ war über weite Strecken eine äußerst intelligente, manchmal schwer zu ertragende Serie, aber dadurch umso wichtiger. Sie hat viele gesellschaftliche Tendenzen aufgegriffen und immer wieder zum Nachdenken angeregt. Ihr größtes Problem war am Ende die lange Laufzeit, wodurch sie zu repetitiv wurde. Darüber könnte man vielleicht hinwegsehen, wäre es für den Schluss nötig gewesen, doch nun mit dem offenen Ende wirkt es doppelt unnütz.

Die erste Staffel ist und bleibt ein Meisterwerk, was nicht zuletzt Margaret Atwoods Buchvorlage zu verdanken ist, die fast eins zu eins verfilmt wurde, mit nur wenigen Anpassungen an unsere Zeit. Es ist auch die einzige Staffel, die ich eines Tages garantiert noch einmal schauen werde – wenn ich etwas Abstand zu Gilead gewonnen habe.

Was mich unweigerlich zu der Frage bringt: Werde ich „The Testaments“ schauen? Verdammt, wird irgendjemand, der hier die letzten sechs Staffeln durchgehalten hat, diese Serie schauen? Ich bin ehrlich, ich weiß es nicht. Es gibt noch keinen Starttermin, aber fürs erste habe ich von Gilead genug, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das so bald ändert.

Blessed be the fruit

• Das war so ein herrlich augenzwinkernder Moment, als June Tuello fragt, ob er Captain sei, und er antwortet, nee, eigentlich Commander.
• Das „you should write a book“ gleich von zwei Leuten fand ich etwas gezwungen. Andererseits gefiel mir der große Bogen zur allerersten Folge, bis hin zu Junes exakten Worten, die sie hier aufzeichnet.

3 von 5 staatenlosen Bananen.

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