Bücherstapel | Karen Thompson Walker „The Age of Miracles“

We didn’t notice right away. We couldn’t feel it. We did not sense the extra time, bulging from the smooth edge of each day like a tumor blooming beneath skin.

Das langsame Sterben der Erde

Zuerst sind es nur ein paar Minuten. Als die Öffentlichkeit darüber informiert wird, dass sich die Rotation der Erdachse verlangsamt, ist die Bedrohung noch abstrakt. Die Menschen beginnen, Vorräte zu hamstern, leben ansonsten aber ihr normales Leben weiter. Doch die Tage werden länger und länger, die Gravitation verändert sich und Vögel fallen einfach vom Himmel. Bald legen Regierungen fest, dass sich der Alltag weiter nach der Uhr-Zeit richten soll, unabhängig davon, ob es hell oder dunkel ist. Nur eine Minderheit behält die Real-Zeit bei, oft aus religiösen Gründen, wird aber schikaniert und ausgegrenzt. Und es kommt noch schlimmer: Je länger die Tag- und Nachtzeiten werden, desto mehr Nutzpflanzen gehen ein.
Certain countries in Europe had made it more or less illegal to live the way Sylvia did. On that continent, the real-timers were mostly immigrants from North Africa and the Middle East, off the clock for religious reasons. Curfews had been imposed in Paris. Riots followed.

Globale Veränderungen aus der Sicht des Einzelnen

Karen Thompson Walkers „The Age of Miracles“ ist ein melancholischer Roman. Hier geht es nicht um die Rettung in letzter Sekunde, die Protagonisten wie der Leser ahnen von der ersten Seite an, dass es kein Happyend geben wird. Wie geht man als einzelner Mensch, aber auch als Gesellschaft damit um? Macht man weiter wie bisher oder stellt man sich den Veränderungen?
Geschildert wird das aus der Perspektive der zwölfjährigen Julia – eine ungewöhnliche Wahl, die aber doch ihren Reiz hat. Um ihre Zukunft gebracht, verliert alles an Bedeutung: Schule, Freunde, das Fußballteam. Sie ist einsam und fühlt sich von ihren Eltern mit ihren Sorgen alleingelassen. Aber sie ist eben auch ein Teenager und erlebt ihre erste, harmlose Liebe, während die Welt um sie herum immer feindseliger wird.

Die Menschen klammern sich an die Hoffnung

Julias persönliche und familiäre Probleme dienen als Leinwand für die Veränderungen, die die sich stetig verlangsamende Erde verursacht. Aus Minuten werden Stunden, bald sind die Tage doppelt so lang, dann sechzig, siebzig Stunden, schließlich erstrecken sich einzelne Tage über Wochen. Die Gezeiten geraten aus den Fugen, das Magnetfeld der Erde bricht zusammen und die Sonne wird zur tödlichen Strahlungsquelle.
Mit jeder neuen Veränderung ihrer Umgebung durchlaufen die Menschen Phasen des Hamsterns, irgendwann werden frische Lebensmittel zur Rarität, der Geschmack exotischer Früchte gerät in Vergessenheit. Alles Grün um sie herum verschwindet nach und nach. Doch immer wieder setzt sich der Ideenreichtum durch, trotzen die Menschen der Erde noch ein wenig mehr Lebenszeit ab.

Selbst in der Krise ist die Gesellschaft gespalten

Der spannendste Part waren für mich die gesellschaftlichen Umbrüche, über die ich gerne viel mehr gelesen hätte. Als die Tage immer länger und verbindliche Terminabsprachen schwieriger werden, beschließen die Regierungen der Welt, zur Uhr-Zeit („clock-time“) zurückzukehren, also zu einem 24-Stunden-Rhythmus. Das hat zur Folge, dass ganze Tage komplett im Dunkeln stattfinden, während die Leute bei strahlendem Sonnenschein schlafen müssen.
Einigen Menschen fällt das leichter als anderen, doch niemand will zugeben, dass womöglich die Minderheit der Real-Timer recht haben könnte, die zunächst weiterhin nach dem Rhythmus der Erdrotation leben. Schlimmer noch, deren Treiben wird zunehmend misstrauisch beäugt, wie können sie es auch wagen, draußen herumzulaufen, wenn alle anderen schlafen? Sie werden zum Feindbild erklärt, um die eigene Hilflosigkeit erträglicher zu machen, manche Regierungen verbieten sogar, nach Real-Zeit zu leben.
Viele der Real-Timer ziehen sich schließlich aufs Land in spezielle Kommunen zurück, und erstaunlicherweise passt sich ihr Körper den verlängerten Tagen anfangs noch an. Hierüber hätte ich tatsächlich gerne mehr erfahren, doch die Perspektive bleibt leider bei Julia, die all das nur vom Hörensagen weiß. Zwar zweifelt sie hin und wieder, ob die Uhr-Zeit der richtige Weg ist, doch als Schülerin hat sie letztendlich gar keine Wahl.

Endzeit-Romantik für Einsteiger

Ich habe „The Age of Miracles“ auf einer Liste mit Büchern gefunden, die man lesen kann, wenn man die Apple-Serie „Pluribus“ zu Ende geschaut hat. Sie haben nicht direkt etwas damit zu tun, spielen aber ebenfalls in diesem etwas speziellen Endzeit-Genre. (Ihr dürft gerne mal raten, welches weitere Buch daraus auf meiner Leseliste gelandet ist.) Dass die Geschichte so konsequent dem Unvermeidlichen entgegensteuert, war mir vorher indes nicht klar.
Bemerkenswert ist, dass sich bei der Lektüre trotz allem niemals Hoffnungslosigkeit einstellt. Walker zeigt die Menschen von ihrer schlimmsten, aber auch von ihrer besten Seite. Sie beleuchtet unsere Fähigkeit, uns anzupassen und selbst im Angesicht des dauerhaften Krisenzustands „normal“ weiterzuleben. Die etwas andere Coming-of-Age-Story, für mich persönlich ein absolutes Highlight.
4 von 5 letzten Bananen, die wir je essen werden.