„There is nothing wrong with me that a fucking hand grenade wouldn’t fix. You got one of those? ’Cause I think that would be the perfect topper for the greatest week in human history.“
Carol möchte einkaufen gehen, aber ihr lokaler Supermarkt ist leer. Dann bestellt sie eine Handgranate. Spoiler!
Are you the Grinch who steals supermarkets?
Carol fliegt mit Zosia zurück nach Hause. Ihr Versuch, noch im Flugzeug Kontakt mit Manousos Oviedo in Paraguay aufzunehmen, schlägt fehlt, er scheint auf das Kollektiv noch schlechter zu sprechen zu sein als Carol. Doch daheim wartet schon die nächste unangenehme Überraschung: Der Supermarkt ist leergefegt, das Kollektiv hat sämtliche Ressourcen abgezogen. Als Carol sich weigert, sich bedienen zu lassen, wird der Supermarkt kurzerhand wieder gefüllt. Ironisch bittet sie um eine Handgranate – und bekommt sie prompt geliefert.
Das eigene kleine Leben
„Grenade“ ist eine Folge, die auf den ersten Blick frustrieren mag, denn wie schon ein anderer Reviewer schrieb: Carol ist so auf ihr eigenes Leben fokussiert, dass sie die wirklich wichtigen Fragen gar nicht stellt. Andererseits ist aber gerade das auch irgendwie reizvoll, denn keiner von uns kann vorhersagen, wie er sich in dieser Situation verhalten würde. Abgesehen davon macht es das für uns Zuschauer doch auch spannender, immerhin können wir spekulieren, was die Dinge, die wir am Rande mitkriegen, zu bedeuten haben.
Postbote: „If you truly wanted a nuclear weapon, we would weigh the pros and cons with you. We would explain that it would be very destructive …“
Carol: „Yes or no?“
Postbote: „Ultimately … yes. Wouldn’t necessarily feel good about it. But we would move heaven and earth to make you happy, Carol … Would you like an atom bomb?“
Gefangenschaft mit Vorzügen
Lasst mich mit dem offensichtlichsten beginnen: der Handgranate. Zum einen finde ich es faszinierend, dass die Vereinigung sämtlichen Wissens der Menschheit nicht dazu geführt hat, dass das Kollektiv menschliches Verhalten besser versteht. Das Gegenteil ist der Fall, da unterschiedliche Erfahrungen zu Widersprüchen führen und sie deshalb nicht mal in der Lage sind, so etwas Simples wie Ironie sicher zu erkennen.
Aber natürlich geht es dabei um etwas ganz anderes, denn durch das Gespräch mit dem Postmann am Ende erfährt Carol, dass sie wortwörtlich um alles bitten kann. Noch eine Granate? Klar doch, gerne. Eine Bazooka? Warum nicht? Eine Atombombe? Oookay, finden wir nicht cool, aber wenn du wirklich eine willst, machen wir das möglich. Ich bin mir noch nicht sicher, wieso das Kollektiv den verbliebenen Individuen offenbar keinen Wunsch abschlagen kann.
Zumal es für mich wie ein Widerspruch klingt, dass Carol gleichzeitig eine Gefangene ist, die quasi nur auf ihr Todesurteil wartet. Denn auch das macht Zosia deutlich: Carol hat keine Wahl. Sobald sie eine Möglichkeit finden, sie zu assimilieren, werden sie das tun. Natürlich nur zu ihrem Besten, denn in ihren Augen leidet Carol. Wie gesagt, ich werde daraus noch nicht schlau, finde es aber äußerst spannend.
Was treibt das Kollektiv?
Mir kam beim Schauen von „Grenade“ aber noch ein ganz anderer Gedanke, der bisher so ein bisschen beiseite geschoben wird. Wieso eigentlich ist das Kollektiv so glücklich? (Ich setze hier einfach mal voraus, dass das nicht gespielt ist.) Oder anders gefragt, kann man überhaupt glücklich sein ohne eigene Persönlichkeit? Das wird jetzt fast philosophisch, aber sind es nicht gerade unsere individuellen Unterschiede, unsere Interessen und Beziehungen, die uns glücklich machen?
In gewisser Weise hängt damit auch die Frage zusammen, was das Kollektiv eigentlich macht, wenn es nicht gerade Supermärkte für Carol befüllt. Allein die Tatsache, dass sie Ressourcen zusammenziehen und nicht benötigte Stromnetze abschalten, sollte uns stutzig machen. Ich meine, wenn die Menschheit nicht mehr damit beschäftigt ist, einkaufen zu gehen oder sich um all die anderen alltäglichen Dinge zu kümmern … was machen die dann den ganzen Tag? Und macht das glücklich?
Zosia: „If you were walking by a lake, and you saw somebody drowning, would you throw them a life preserver? Of course you would. You wouldn’t think, you wouldn’t wait, you wouldn’t try to get consensus on it. You’d just throw it.“
Carol: „So now I’m drowning?“
Zosia: „You just don’t know it.“
Zufrieden damit, unzufrieden zu sein
Eine ganz wichtige Lektion in Individualität erhalten wir übrigens zu Beginn der Folge in einem Rückblick. Vor sieben Jahren waren Carol und Helen in Norwegen in einem Eishotel, doch ganz egal, auf welches Wunder Helen auch hinweist, Carol findet überall einen Grund zum Meckern. Worauf Helen meint, dieser Urlaub sei genau das richtige für sie, denn „you love feeling bad“. Und jetzt fragt euch mal, wie anstrengend es für Carol sein muss, permanent von übertrieben glücklichen Menschen umgeben zu sein.
Trotzdem ist sie ein durch und durch guter Mensch, das ist eine ganz wichtige Beobachtung. In der letzten Folge versuchte sie, den einen Typen nach unten zu holen, der an einem Kran in der Luft baumelte. Und als sie die Granate auslöst, weil sie glaubt, das Kollektiv würde ihr niemals eine echte geben, kümmert sie sich sofort um die verletzte Zosia. Angesichts ihrer Lage ist das ziemlich beeindruckend, nicht viele würden ihre „Gefängniswärter“ retten.
Exploding Notes
• Carol bezeichnet das Kollektiv an einer Stelle als „worker bees“, und Zosia korrigiert sie nicht. Heißt das, es gibt auch eine Königin?
• Die Befüllung des Supermarkts gleicht geradezu einem Ballett. Wunderbar inszeniert.
• Apropos Supermarkt, ich nehme an, Geld hat jegliche Bedeutung verloren? Also doch eine Metapher für Kommunismus?
• Kein Streaming mehr in dieser perfekten Welt, schätze ich. Seht ihr, und genau deshalb kauft man seine Lieblingsserien auf Scheibe.
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