Pluribus | Please, Carol (1×04)

„How do I reverse all this? How do I reverse the joining?“

Carol will die brutale Ehrlichkeit des Kollektivs ausnutzen, um zu erfahren, wie sich das Joining rückgängig machen lässt. Spoiler!

Do you have any heroin?

Carol testet an einem Mitglied des Kollektivs eine Theorie, indem sie ihn fragt, was Helen von ihren Romantasy-Büchern hielt. Auch wenn die Antwort schmerzhaft ausfällt, erfährt sie so, dass das Kollektiv nicht lügen kann. Deshalb besucht sie Zosia im Krankenhaus und fragt sie geradeheraus, ob es eine Möglichkeit gibt, das Joining rückgängig zu machen. Zosias Nicht-Antwort sagt ihr bereits genug, also besorgt sie sich Thiopental Sodium, die sogenannte Wahrheitsdroge, um Zosie auch das „Wie“ zu entlocken.

Langsam, aber immer fesselnd

Ich muss es an dieser Stelle einfach mal sagen: „Pluribus“ ist eine ziemlich eigenwillige Serie. Ich kann verstehen, wieso die Kritiken teilweise so weit auseinanderklaffen, denn den Erzählstil muss man mögen, sonst langweilt man sich wahrscheinlich zu Tode. Die Geschichte kommt scheinbar nur in Zeitlupe voran, doch ich für meinen Teil bin so fasziniert von all den Gedanken und Ideen dahinter, dass ich gar nicht alles zu Papier bringen kann, während ich schaue. Das Gehirn der Zuschauer anzuregen, ist eine vergessene Kunst.

Larry: „Oh, we love your books.“
Carol: „What do you love about them?“
Larry: „Everything. Your books are an expression of you. And we love you.“

Das Ende von Kunst und Kultur

Die größte Herausforderung bei „Pluribus“ ist, sich nicht zu sehr in den eigenen Überlegungen zu verlieren, denn wer weiß, ob etwas nur eine Randnotiz ist oder tatsächlich Thema der Serie. Ein gutes Beispiel dafür liefert diese Folge, wenn Carol Larry bittet, ihr darzulegen, wie dem Kollektiv ihre Bücher gefallen. Seine Antworten wirken zunächst generisch, werden auf ihr Drängen hin aber wiederum fast zu spezifisch. Woran erinnert uns das? Richtig, ChatGPT.

KI ist der große Gleichmacher unserer Zeit. Wenn Larry Carols Wycaro-Bücher mit Shakespeares Werk gleichsetzt, könnte das auch von einem Chat-Bot stammen. Das Joining hat jegliches Kulturschaffen zum Erliegen gebracht, und wenn man mal darüber nachdenkt, ist das nur logisch. Zum einen gibt es keine kulturellen Unterschiede mehr, die Kunst in irgendeiner Form befeuern könnten. Zum anderen benötigt die Menschheit auch keine Zuflucht mehr, keine Träume von einer besseren Welt.

Manche Wahrheiten sollten unausgesprochen bleiben

Dann aber entwickelt sich das Gespräch in eine ganze andere Richtung, als Carol wissen will, was Helen von ihren Büchern und vor allem von ihrem unveröffentlichten Herzensprojekt „Bitter Chrysalis“ hielt. Es stellt sich heraus, dass Helen das alles vor allem deshalb unterstützt hat, weil es Carol glücklich gemacht hat, und nicht, weil sie von der Qualität überzeugt war. Was im ersten Moment natürlich niederschmetternd ist, weil es Carol alles nimmt, was sie jemals ausgemacht hat.

Man kann es aber auch andersherum sehen. Helen hat Carol geliebt und sie deshalb ermutigt, das zu tun, was ihr Freude bereitet. In ihren Augen war der Weg wichtiger als das Ziel, und dass sie so dachte, ist vielleicht sogar mehr wert. Carols Enttäuschung ist dennoch verständlich und zeigt, wieso man niemals wissen sollte, was andere denken. Eigentlich kaum vorstellbar, wie es sein muss, die innersten Gedanken jedes Menschen auf der Welt zu kennen und auch selbst keinerlei Privatsphäre mehr zu haben.

Zosia: „We want so much to please you, Carol, but we … we can’t answer questions like that.“
Carol: „Right. Except your nonanswer is my answer. ’Cause I don’t think you can lie to me. I don’t think it’s something you can do. But you would definitely tell me if the answer was no.“

Nicht mehr eine, sondern viele Stimmen

Und dann stellt Carol endlich die richtigen Fragen. Ich muss gestehen, ich musste noch während der Folge nach Thiopental Sodium googeln, weil ich ratlos war, was da gerade passiert. Das kleine Intermezzo, als Carol sich selbst filmt, während sie die Wirkung testet, war aber schon ein Highlight. Außerdem beweist sie erstaunlichen Weitblick, von der Tarngeschichte mit dem Heroin bis hin dazu, dass sie Zosia zunächst so weit von allen anderen wegbringt wie nur möglich.

Trotzdem geht der Plan am Ende nach hinten los, und Carol steht nun wahrscheinlich schlechter da als vorher, da das Kollektiv jetzt weiß, dass sie ein konkretes Ziel verfolgt. Zudem ist sie einer Antwort kein Stück näher gekommen, oder? Ist euch aufgefallen, dass das Kollektiv völlig aus dem Takt gerät, als sie „please, Carol“ rufen? Keine einzelne Stimme mehr, sondern eine Kakophonie. Also, irgendwas hat Carol in dem Moment definitiv bewirkt.

Der andere Rebell

In einem kleinen Sidequest zu Beginn der Folge lernen wir auch Manousos Oviedo in Paraguay kennen. Tatsächlich enthält die Szene sogar den Gegenpart zu dem Telefonat mit Carol letzte Woche. Manousos verweigert jeglichen Kontakt mit dem Kollektiv und lehnt auch das Essen ab, das sie ihm bringen. Aber wie lange wird er noch von Hundefutter und Zuckerpäckchen leben können?

Please, Notes

• Als großer Douglas-Adams-Fan lasse ich mir nicht ausreden, dass Helens „harmless“ eine Hommage an den „Hitchhiker“ ist.
• Carols Mutter hat sie mit 16 in ein „conversion camp“ geschickt, als ihr klar wurde, dass sie auf Frauen steht. Kein Wunder, dass Carol so allergisch auf übertriebene Fröhlichkeit reagiert.
• Um das noch mal zu betonen, die Diskussion mit dem Apotheker über die Gefahren von Heroin war schlicht genial! „Yesterday, you people gave me a hand grenade. Are you seriously gonna begrudge me some H?“

4 ½ von 5 wahrheitsliebenden Bananen auf Drogen.

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