„This is a recording. At the tone, you can leave a message to request anything you might need. We’ll do our best to provide it. Our feelings for you haven’t changed, Carol. But after everything that’s happened, we just need a little space.“
Das Kollektiv lässt Carol allein in Albuquerque zurück, die die Gelegenheit für Nachforschungen nutzt. Spoiler!
You motherfuckers sure love your milk
Nach dem Zwischenfall mit Zosia zieht sich das Kollektiv aus Albuquerque zurück, während Carol schläft. Über die Kontaktnummer erreicht sie lediglich einen Anrufbeantworter, dennoch versuchen die Joined weiterhin, ihr ihre Wünsche zu erfüllen – nun mithilfe von Drohnen. Carol nutzt das, um eine Videobotschaft an die zwölf anderen Individuen zu schicken. Als sie über die Milchpackungen stolpert, die die Joined wie besessen konsumieren, forscht Carol nach und findet heraus, dass sie keine Milch enthalten, sondern irgendeine andere Flüssigkeit.
Ein echtes Kleinod mit viel Witz
Ich will fast sagen, „Got Milk“ ist die beste Folge seit dem Piloten, eine One-Woman-Show mit geschickt platzierter Alltagskomik. Auf sich allein gestellt, muss Carol nicht nur einfallsreich werden, sondern auch alle Ressourcen nutzen, die ihr zur Verfügung stehen. Gleichzeitig bietet ihr das die Freiheit, sich unbeobachtet in der Stadt zu bewegen und Dingen auf den Grund zu gehen, die ihr bislang entgangen sind. Das ist fast schon eine kleine Detektivgeschichte, und ich liebe jede Minute davon!
„If you’re still one of us, then this message is for you. There is a way to undo this situation. To turn the world back the way it’s supposed to be.“
Die Neugier der Autorin
Fangen wir am besten damit an, was wir zusammen mit Carol in dieser Folge über das Kollektiv herausfinden. Beim Entsorgen ihre Abfalls fallen ihr die vielen Milchboxen in den Mülleimern auf, und das Bemerkenswerte ist, dass die in den vergangenen Folgen immer wieder zu sehen waren, ohne dass wir es hinterfragt hätten. Carol sieht sich also in der Fabrik um, wo die vermeintliche Milch abgefüllt wird, und stellt fest, es ist etwas ganz anderes.
Das alles ist wunderbar erzählt, weil eins aufs andere aufbaut. Die Schlüsse, die Carol zieht, sind jederzeit nachvollziehbar, und ich denke, hier offenbart sich auch ein typischer Zug von Autoren. Zumindest kenne ich das von mir, diesen Drang, den Dingen auf den Grund zu gehen und alle Informationen zu sammeln. Zwar wissen wir am Ende noch nicht, um was für eine Flüssigkeit es sich in den Milchkartons handelt, aber immerhin, dass sie orange, geruchslos, ölig und ph-neutral ist.
Das „Was“ ist aber auch nur eine der wichtigen Fragen. Findet Carol beim Cliffhanger die Antwort darauf oder etwas ganz anderes? (Ich kann euch gar nicht sagen, wie hart ich mich diesmal zusammenreißen muss, keine Spoiler zu lesen, obwohl ich so eine Ahnung habe … Soylent Green?) Die andere, ebenso wichtige Frage lautet natürlich „Warum“. Warum trinken die Joined das Zeug, als hinge ihr Leben davon ab? Ist sie der Schlüssel zur Umkehrung des Effekts oder tatsächlich lebensnotwendig?
Selbst ist die Frau
„Got Milk“ versetzt Carol in eine Lage, die mehr oder weniger das ganze Gegenteil ihrer vorherigen Situation ist. Statt permanent belästigt und von vorne bis hinten bedient zu werden, muss sie sich nun um alles selbst kümmern. Sicher, die Drohnen stehen auf Anfrage bereit, aber wir sehen ja, wie gut das funktioniert. Und Carol blüht im wahrsten Sinne des Wortes auf.
Das heißt nicht, dass es einfach ist. Die Wölfe, die zuerst ihren Müll plündern und dann, als der weg ist, versuchen, die Leiche von Helen auszugraben, sind eine ernste Bedrohung. Aber wo manch anderer gelähmt vor Angst wäre, läuft sie zu Hochform auf. Und macht sich anschließend überlegt an die Problemlösung, indem sie Steinplatten aus dem Baumarkt holt. Ihr zufriedener Blick am Ende sagt alles.
„Now, I realize some of you think the world might be better off this way, with all the newfound peace, love and understanding. Enjoy that opinion. Relish it. Because it may be the last one you ever possess. And when the day comes that you have peace and love forced upon you, who knows, maybe in that last fleeting moment you might just realize you treasured your individuality.“
Ruhige Erzählweise mit präzisem Humor
Was die Folge aber für mich so besonders macht, ist weniger ihr Inhalt als ihre Struktur und Gestaltung. Wie ich schon zu Beginn der Serie schrieb, ist sehr auffällig, wie sorgfältig einzelne Szenen inszeniert sind. Man erfährt viel einfach nur dadurch, dass man sich umschaut (die von vielen als zu langsam empfundene Kameraarbeit ist ein echter Vorzug), vor allem aber entsteht ein ganz einzigartiger Humor, der sehr an den großen Jacques Tati erinnert.
Über die Drohne, die sich um den Laternenmast wickelt, müssen wir nicht sprechen. Das kam so überraschend und ist dabei so wunderschön in der Totale gefilmt (mit Carol links ganz klein am Rand), dass ich vor Lachen fast geplatzt bin. Aber es sind auch Details wie Carols Kampf mit der Waffe im Polizeiauto, der sich erst später humorvoll auflöst, als sie den Knopf entdeckt, mit dem sie sie problemlos hätte befreien können.
Got Notes
• Apropos Humor, die Ansage auf dem Anrufbeantworter, die Carol immer wieder komplett anhören muss, wird echt mit jedem Mal lustiger.
• Und ich fand es so herrlich passiv aggressiv, dass sich das Kollektiv heimlich davonschleicht, als Carol schläft. Konfrontation ist nicht so deren Ding, oder?
• Was denken wir, stellen sie Carols Nachricht den anderen wirklich zu? Ich musste die ganze Zeit nur dran denken, wie viel einfacher das alles mit YouTube wäre. 😆
5 von 5 Bananen, die zu schwer für die Drohne sind.