„Do you want to save the world or get the girl?“
Manousos besucht Carol und ist enttäuscht, dass sie die Joined immer noch als Menschen betrachtet, die zu retten sind. Spoiler!
You win, we save the world
Manousos erreicht Carol, doch das erste Zusammentreffen gestaltet sich schwierig. Nicht nur aufgrund der Sprachbarriere, sondern weil Manousos geradezu paranoid ist und glaubt, dass das Kollektiv sie belauscht. Weil Carol die Joined verteidigt, bestellt er ohne ihr Wissen Zosia zu sich, die bereitwillig alle seine Fragen beantwortet. Es gelingt Manousos, die Joined in den Zustand der Starre zu versetzen, was ihm offenkundig neue Informationen liefert. Doch als das Kollektiv daraufhin wieder aus Albuquerque abzieht, geht Carol mit und lässt Manousos allein zurück.
Es bleibt natürlich vieles offen
„La Chica o el Mundo“ ist enttäuschend und toll zugleich, aber irgendwie war so was zu erwarten gewesen, oder? Wie will man ein Gedankenexperiment wie „Pluribus“ zu einem befriedigenden Abschluss bringen, ohne sein ganzes Pulver auf einmal zu verschießen? Die Folge hat jedenfalls viel zu bieten, bestätigt ein paar der Theorien, die so herumfliegen, und wirft wie üblich viele neue Fragen auf. Ich glaube, es ist mehr die Tatsache, dass ich gerne mehr sehen möchte, die mich so indifferent zurücklässt.
Zosia: „I know this is hard to understand, but we love him the same as we love you.“
Carol: „No. You can’t love him the same. It’s not the same. It’s different. He is a stranger. You barely know him. You told me so yourself. And we … we’re … You’re my … You’re my chaperone. Mine.“
Zwei verschiedene Ansichten
Der entscheidende Unterschied zwischen Carol und Manousos ist, dass er die Menschheit praktisch schon aufgegeben hatte. Seiner Meinung nach haben die Joined keine Seele mehr und sind entsprechend Eindringlinge. Carol jedoch meint, dass die individuellen Menschen immer noch irgendwo da drin sind, deshalb ist sie so schockiert von Manousos’ aggressivem Vorgehen. Und in gewisser Weise findet im Laufe der Folge ein Rollentausch statt.
Durch das Gespräch mit Zosia erkennt Manousos offenbar, dass Carol recht hat, und verlegt sich nun darauf, die Seelen der Joined zu retten. Ich bin mir nicht ganz sicher, was wir da gesehen haben: Das Kollektiv kommuniziert auf der Frequenz, die Manousos zuvor schon aufgefallen war? Was würde passieren, wenn sie diese Frequenz irgendwie stören könnten? Oder dazu nutzen, eigene Informationen oder Anweisungen ans Kollektiv zu geben?
Carol geht den entgegengesetzten Weg, denn sie muss erkennen, dass das Kollektiv sie in Gestalt von Zosia nur manipuliert. Es ist bitter, aber sie war sich zu sicher, dass die Joined ihr nichts anhaben können, und hat ihren Schutzwall heruntergelassen. Sie ist dem Individuum Zosia kein Stück nähergekommen, während das Kollektiv hinter ihrem Rücken daran gearbeitet hat, sie umzuwandeln. Also doch seelenlose Monster?
Das Joining löscht die kulturelle Identität aus
Interessanterweise präsentiert uns „La Chica o el Mundo“ die vielleicht wichtigste Szene gleich zu Beginn. Wir sind dabei, wenn Kusimayu in Peru ihre Individualität freiwillig aufgibt, um Teil des Kollektivs zu werden. Das wird von ihrem Dorf als feierliches Ritual mit Gesang inszeniert, doch kaum beginnt das Virus zu wirken, verstummen alle. Es besteht keine Notwendigkeit mehr, jemandem etwas vorzuspielen, und so packen sie nach Kusimayus Joining auch wortlos zusammen und verlassen das Dorf.
Ich schrieb bereits, dass das Joining im Kern nichts anderes als den Verlust von Kultur bedeutet. All die gewachsenen Strukturen, Verbindungen, Feste, Rituale gehen verloren, und das ist etwas, was wir in der westlichen Gesellschaft gerade selbst erleben. Wir reden darüber, Feiertage abzuschaffen, um die Produktivität zu erhöhen, aber wir verlieren dadurch so viel mehr als nur einen arbeitsfreien Tag. Es ist unsere kulturelle Identität, die wir bereitwillig aufgeben, und wofür?
Carol: „How long do I have?“
Zosia: „Induced pluripotent stem cells can be very fragile, and we’re dealing with haploid-“
Carol: „How long?“
Zosia: „A month. Hopefully no more than two or three.“
Eine Serie mit vielen Bedeutungsebenen
Ich glaube, „Pluribus“ könnte tatsächlich eine der wichtigsten Serien unserer Zeit sein. Und das habe ich einfach nicht erwartet, als ich mit diesen Reviews begonnen habe. Die Sache ist nämlich die, wir haben es hier mit zwei Bedeutungsebenen zu tun. Da ist zum einen der eigentliche Plot, der uns vor Rätsel stellt: Wer hat das Signal geschickt und zu welchem Zweck? Was genau ist das Joining und lässt es sich rückgängig machen? Wenn ja, wie? Das allein wäre schon eine grandiose Serie.
Aber unter all dem liegen zahlreiche weitere Schichten, die mehr mit uns als Gesellschaft zu tun haben. Wir Menschen definieren uns zu einem großen Teil über unsere Beziehungen, über das Miteinander im privaten wie beruflichen Kontext. Aber wie eng diese Bindungen auch sein mögen, bleiben wir doch Einzelwesen und entwickeln dadurch eine eigene Persönlichkeit. Individualität ist etwas Gutes, weil sie Reibung erzeugt und Fortschritt ermöglicht.
Dennoch wird eine Welt, in der alle gleich sind und alles miteinander geteilt wird, allgemein als Utopie betrachtet, als etwas Erstrebenswertes. Das Kollektiv in „Pluribus“ führt uns vor Augen, was das in seiner Extremform bedeutet: Gleichförmigkeit und Stillstand. Es ist ein gesellschaftlicher und kultureller Einheitsbrei, eine Welt, in der die Menschen eigentlich nichts mehr haben, wofür es sich zu leben lohnt.
Klug, fordernd und wunderbar ruhig erzählt
Ihr merkt schon, es fällt mir schwer, das übliche Fazit zu ziehen, wie ich das immer zum Ende einer Serienstaffel mache. Das ist kein Manko, im Gegenteil, es ist erfrischend, einmal nicht jede Antwort vorgekaut zu kriegen, sondern gewissermaßen selbst Teil der Erzählung zu werden. Jeder interpretiert die verschiedenen Themen in „Pluribus“ anders, anhand seiner individuellen Erfahrungen, und ist das nicht die eigentliche Ironie?
Formal macht Vince Gilligan jedenfalls alles richtig, auch wenn sein Stil nicht jedem liegt. Dass so viele meinen, die Serie sei zu langsam, ist nur der Beweis, dass die Masse belangloser Shows die Zuschauer immer mehr abstumpft. Wer sonst nur Häppchen im TikTok-Format konsumiert, der hat natürlich Probleme, wenn er plötzlich aufmerksam zuschauen und mitdenken muss. Ich selbst finde es wahnsinnig erholsam, wie ruhig sich die Geschichte entwickelt.
Aber es ist hart, die Serie fürs erste hinter mir zu lassen. Ich werde es extrem vermissen, diese Reviews zu schreiben und all die philosophischen Gedanken im Kopf herumzuwälzen. Bis es weitergeht, wird es wohl eine Weile dauern, und am Ende des Tages ist es mir auch lieber, Gilligan und seine Autoren nehmen sich die Zeit. Trotzdem, dieser Cliffhanger, wollt ihr mich umbringen? „Carol Sturka. What is this?“ – „Atom bomb.“
La chica o las Notas
• Die App in Carols Handy, die stur weiter übersetzt, selbst als Manousos das Gerät in den Gully wirft, ist zum Schreien.
• Ich hatte so recht mit meiner Befürchtung, sie könnten einen Weg finden, Carols Eizellen zu nutzen! Und das, meine Damen und Herren, passiert, wenn man mit „Lost“ aufgewachsen ist, wo alles ein potenzieller Hinweis war.
• Laxmi, die sofort Carol anruft und beschimpft, als die Joined in Starre verfallen. 😆
• Carol liest am Pool „The left Hand of Darkness“ von Ursula K. Le Guin. Das ist so eine spezifische Lektüre, dass ich vermute, man kann irgendwas daraus auf die Serie beziehen. Ist leider zu lange her, seit ich den Roman gelesen habe.
• Das Kollektiv ist auch nicht besser als das Konversions-Camp: Sie wollen Carol gegen ihren Willen ändern und lächeln dabei.
4 von 5 Bananen, die aus dem All Lippen lesen können.
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