Liebeshandlungen | Die Slow-Burn-Romanze von Delenn & Sheridan in „Babylon 5“

„I realized, I never told you how much I care about you, how much you mean to me. I think it’s time you knew that.“ (John Sheridan)
Als Mittvierzigerin bin ich zunehmend frustriert, dass die Protagonisten in Serien mittlerweile mehrheitlich in ihren Zwanzigern oder Teenager sind. Immer nur Sex, Drugs und was auch immer die jungen Leute heute so für Musik hören. Erwachsene Geschichten sind rar geworden, erwachsene Liebesgeschichten erst recht. Lasst mich heute also den Blick in die Vergangenheit richten und euch eine der schönsten Romanzen der Seriengeschichte näherbringen: Sheridan und Delenn in „Babylon 5“.

Politik und Diplomatie als Kulisse

Wir schreiben das Jahr 1993, als eine ambitionierte Science-Fiction-Serie namens „Babylon 5“ das Licht der Welt erblickt. Freilich bin ich zu jener Zeit völlig besessen von „Star Trek: Deep Space Nine“ und ignoriere die Konkurrenz konsequent. (Nehmen wir bitte kurz die Ironie zur Kenntnis, dass ich schon als Teenager eine Serie geliebt habe, die von erwachsenen Leuten handelte, die erwachsene Sachen tun.) Als ich „Babylon 5“ mit Mitte dreißig schließlich das erste Mal sah, fühlte ich mich dort sofort zu Hause.
Seht es mir bitte nach, dass ich an dieser Stelle nicht weiter auf die Handlung der Serie eingehe. Die ist so komplex, dass man allein damit drei bis vier Artikel bestreiten könnte – und für mein Thema ist sie letztendlich nicht relevant. Im Mittelpunkt steht ab der zweiten Staffel jedenfalls Captain John Sheridan als Kommandant der Raumstation Babylon 5, die Dreh- und Angelpunkt für die politischen Verwicklungen unterschiedlichster Spezies ist, weshalb sich auch allerlei Botschafter dort tummeln.

Die Beziehung entwickelt sich langsam

Es ist bemerkenswert, dass sich Showrunner Joseph Michael Straczynski überhaupt die Mühe gemacht hat, zwischen all den existenziellen Fragen und politischen Ränkespielen eine Liebesgeschichte zu platzieren. Und nicht nur zu platzieren, sondern zum durchgehend roten Faden zu machen, ohne dass sie die Handlung völlig vereinnahmt. Vor allem aber erzählt er diese Geschichte genau wie alle anderen: ernsthaft und ohne billige Wendungen.
Wenn man genau hinschaut, weiß man übrigens schon bei der ersten Begegnung zwischen Sheridan und Delenn, der Botschafterin der Minbari, dass sich da was anbahnt. Sheridans Blick spricht einfach Bände. Aber Straczynski hat Zeit und nimmt sie sich auch. In dieser Staffel passiert daher erst mal nicht viel, Sheridan und Delenn entwickeln eine professionelle und schließlich freundschaftliche Beziehung, wie das erwachsene Leute eben so tun.
„All life is transitory, a dream. We all come together in the same place, at the end of time. If I don’t see you again here, I will see you, in a little while, in a place where no shadows fall.“ (Delenn)

Konsequent und ohne Epik erzählt

Es ist genau das, was diese Liebesgeschichte von so vielen anderen abhebt. Straczynski traut dem Zuschauer zu, einer Handlung über einen längeren Zeitraum zu folgen, ganz ohne „instant gratification“. Wo die Verliebten in anderen Serien schon nach drei Folgen im Bett landen, entwickeln Delenn und Sheridan eine Beziehung, die auf gegenseitigem Respekt basiert, auf zunehmender Sympathie und echtem Interesse an der Person. Beide sind bestrebt, die Kultur des anderen kennenzulernen, auch wenn das nicht immer leicht ist. (Ich erinnere mich da an eine Meditation während eines Essens, bei der Sheridan einschläft.)
Ich finde es heute noch lustig, dass es den ersten Kuss schließlich in einer Zeitreise-Doppelfolge gibt („War without End“, 3×16/17). Erstens ist er fast das Unwichtigste, was passiert, und zweitens ist es nur für einen von beiden überhaupt der erste Kuss. Es dauert drei weitere Folgen, bis es wirklich so weit ist, und dann will Delenn die Nacht mit Sheridan verbringen. Doch wartet, nicht so, wie ihr denkt; bevor sich Minbari binden, beobachten sie den Partner drei Nächte im Schlaf. Zugegeben, klingt schräg, ist aber irgendwie schon romantisch.
Der Punkt ist, selbst als Sheridan und Delenn offiziell ein Paar werden, ist das kein großes Ereignis. Sie flanieren eben nicht die ganze Zeit händchenhaltend durch die Station oder knutschen öffentlich, sondern bauen nach und nach eine stabile Beziehung auf, der selbst eine viele Jahre alte Lüge nichts anhaben kann. Anfang der vierten Staffel gibt es eine Verlobung, die Hochzeit wird danach aber nicht mal mehr gezeigt. Und wozu auch, ihre tiefe Liebe hatten sie schon vorher oft genug gezeigt.

Bitte mehr hiervon (und weniger sinnlose Sexszenen)

Bei Delenn und Sheridan kommt vieles zusammen, was ich an einer gut erzählten Liebesgeschichte schätze. „Babylon 5“ hatte damals natürlich den Vorteil einer langen Laufzeit, die es ermöglichte, die Beziehung langsam zu entwickeln. Den wenigsten Serien ist das heute noch vergönnt. Doch selbst dann fällt auf, wie wenig der Fokus auf Anziehung oder Chemie liegt (nicht, dass sie keine haben, denn bei Gott, das Gegenteil ist der Fall). Der Kuss, so sehr wir auch drauf gewartet haben, war nicht der große Moment, weil es so viele kleine Momente gibt, die mehr aussagen.
Vor allem aber entwickelt sich diese Beziehung geradlinig, ohne konstruierte Hindernisse, die nur dazu dienen, das Zusammenkommen des Paars hinauszuzögern. Bei seinem Tempo hatte Straczynski so was auch gar nicht nötig. Selbst einen großen Streit, der von der dritten in die vierte Staffel getragen wird, nutzt er nicht für billiges Drama. Im Gegenteil, er wird am Ende sehr erwachsen gelöst und stärkt die Beziehung eher noch.
Die Liebesgeschichte von Delenn und John Sheridan ist, kurz gesagt, bemerkenswert „normal“. Weder stürzen sie sich blind in eine Beziehung noch wird ihre Liebe episch überzeichnet. Sie ist auch nicht Mittelpunkt der Handlung, wird aber nach und nach ganz natürlich Teil davon. Und davon könnten sich viele heutige Showrunner eine ordentliche Scheibe abschneiden.