„She had a cold beauty, like snow behind a thick, distorting wall of glass. And I grew hard by example.“
Lestats Mutter Gabriella schließt sich der Tour an, was Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend wachruft. Spoiler!
Are you a good boy, Lestat?
Nach seiner Enthüllung als echter Vampir haben Lestats Bandkollegen eine Menge Fragen. Doch der hat wenig Lust, sie zu beantworten, und entführt uns stattdessen ins späte 18. Jahrhundert, wo er in der französischen Auvergne aufwuchs. Von den Brüdern wegen seines Stotterns lächerlich gemacht und vom Vater um eine kirchliche Ausbildung gebracht, fand er lediglich in seiner Mutter Gabriella eine Verbündete. Als das Dorf von einem Wolfsrudel bedroht wird, bricht Lestat allein auf, sie zu töten – in dem Wissen, dass es vermutlich sein eigenes Ende ist.
Unerwarteter Wechsel der Tonart
Tja. Da mache ich letzte Woche noch dieses Fass auf, dass Lestats Erzählung so viel chaotischer ist, prompt legt die zweite Folge eine Vollbremsung hin. „Toledo“ ist ein interessantes Ding, weil eigentlich gar nicht viel passiert und das meiste auf der zwischenmenschlichen (zwischenvampirischen?) Ebene gesagt wird. Gerade nach dem Wirbelwind von „Detroit“ ist das gewöhnungsbedürftig, da auch vieles nur angedeutet und ansonsten der Interpretation des Zuschauers überlassen wird. (Mag sein, dass ich meine Bewertungen am Ende noch mal überdenken muss, wenn ich alle Folgen im Kontext betrachten kann.)
„You’ve weathered the Freudian storm, and yes, that boat is my penis, and yes, that ocean is my mother’s vagina. Kiss, grope, aftercare.“
Muttersöhnchen Lestat
Oedipiphany nennt Lestat, was er uns letzte Woche über die Natur seiner Beziehung zu seiner Mutter enthüllt hat. Und das ist mehr oder weniger auch alles, was wir an Analyse zu erwarten haben, es sei eben anders bei Vampiren und deshalb völlig normal. Das Interessante ist, dass es gar nicht der Inzest ist, der uns aufmerken lässt, das Thema wird fast beiläufig zur Seite geschoben. Die emotionalen Abhängigkeiten zwischen Mutter und Sohn verraten uns so viel mehr über Lestat, als er selbst zu glauben scheint.
Wollte man es auf einen einzigen (modernen) Begriff reduzieren, müsste man es Grooming nennen, was Gabriella mit ihrem Sohn macht. Die Andersartigkeit, die Lestat von seinen Brüdern entfremdet, macht ihn zugleich zum Verbündeten für seine Mutter, die in dieser Familie ebenso gefangen ist wie er. Doch sie hilft ihm nicht etwa, sondern sonnt sich nur in seiner Hingabe und Bewunderung. Und sie ist es auch, die ihn in den mehr oder weniger sicheren Tod schickt, als sie über die Wölfe diskutieren.
Der letzte Anker aus seinem alten Leben
Da ist diese faszinierende Dissonanz zwischen der Gabriella, die wir sehen, und der, die Lestat beschreibt. Auch Jahrhunderte später ist ihre Beziehung die gleiche: Er schaut bewundernd zu ihr auf, und sie interessiert sich nur für sich selbst. Lestat hat Gabriella die Unsterblichkeit geschenkt, doch statt einfach zu gehen und ein neues Leben zu beginnen, bestand sie darauf, sämtliche Brücken hinter sich einzureißen.
Der Tod seiner Familie band Lestat nur noch mehr an Gabriella, und an dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Blick zurück. Louis’ verzweifelter Versuch, nach der Verwandlung mit seiner Familie in Kontakt zu bleiben, war zwar immer zum Scheitern verurteilt, doch ist es genau das, was seine Menschlichkeit bewahrte. Lestat hatte das nicht, er hatte nur seine völlig entfesselte Mutter, und irgendwie erklärt das doch sehr viel.
Louis: „I’ve heard the songs.“
Lestat: „The songs are not about you.“
Louis: „It feels like a cry for help. So I flew in because I care.“
Lestat: „Oh, just as you cared in your book.“
Etwas Würze fürs Daniels Doku
Mit dem Fokus auf Gabriella bleibt der Folge wenig Zeit für anderes. Der Fallout mit der Band wird relativ kurz abgehandelt, und ich bin ehrlich gesagt überrascht, wie vergleichsweise rational alle reagieren. Sicher, sie sind wütend und haben eine Menge Fragen, aber sie wirken kein bisschen ängstlich. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mich würde die Vorstellung, einen Tourbus mit einem echten Vampir zu teilen, erst mal verstören.
Sie verlieren allerdings Alex, zumindest vorerst. Ihrem Auftritt in Toledo scheint das nicht weiter zu schaden, allerdings spielt auch das Konzert diesmal nur eine Nebenrolle. Sowohl Gabriella als auch Louis sind im Publikum, was Daniel freilich sogleich für seine Dokumentation ausschlachten will. Und es gibt diesen bemerkenswert intimen Moment zwischen Lestat und Louis, der wie kein anderer die Enttäuschung zeigt, die zwischen ihnen steht.
Eheberatung mit Anwälten
Doch vergessen wir nicht das mutmaßlich erste Treffen zwischen Lestat und Louis seit Buchveröffentlichung. In einem Büro. Mit Anwälten. Zu einem echten Gespräch sind beide noch nicht bereit, dafür steht einfach zu viel zwischen ihnen. Vielleicht trotzdem nicht ganz unwichtig: Lestat wirkt ernsthaft verletzt, während Louis fast Spaß dran zu haben scheint. Ich erinnere aber daran, dass dies Lestats Erzählung ist, also hat auch diese Erinnerung sehr wahrscheinlich einen persönlichen Anstrich.
Anbrennen lassen sie jedenfalls beide nichts. Louis knallt seinen „emotionally unavailable“ Anwalt, Lemuel, betont aber, dass es was Lockeres ist. Worauf Lestat kontert, dass er natürlich auch mit seiner Anwältin schläft („she’s petite, surprising, and can perform what most metropolitan draining systems can only dream of“). Es ist fast unwichtig, ob es stimmt, es ist offensichtlich, dass er Louis in dem Moment nur wehtun will.
Daniel: „You read it? You liked it?“
Louis: „I didn’t like me in it. Passive, selfish, a liar. And not the lying to myself kind, a fucking liar.“
Sidequest für Louis
Es gibt auch noch ein kurzes Treffen mit Daniel, der sich bei Louis noch mal dafür entschuldigt, das Buch ohne sein Wissen und Einverständnis veröffentlicht zu haben. Aber im Grunde lockt er Louis nur in das Restaurant, weil der Talamasca mit ihm sprechen will. Sie haben da nämlich ein Problem mit einem Vampir, der ein kleines Fentanyl-Unternehmen aufgebaut hat. Kein Interesse, winkt Louis ab, bis er hört, wer dieser Vampir ist: Bruce. (Jup, der Bruce, der in „A vile Hunger for your hammering Heart“ Claudia missbraucht hat.)
A very specific detail to pluck out of thin air!
• Mit der Wolf-Episode werden nun auch Lestats Narben erklärt. Interessant jedoch, wie er die Geschichte erzählt, denn den eigentlichen Kampf gegen die acht Tiere sehen wir nicht.
• Es gibt „Farmen“ für Blut?! Das klingt mir fast ein bisschen zu sehr nach „True Blood“, ich dachte, in diesem Universum leben die Vampire im Verborgenen.
• Louis tritt zumindest in der Geschäftswelt inzwischen als Thomas Pitt auf. (Eine nette Hommage an Tom Cruise und Brad Pitt.) Ihm gehört nicht nur das Hotel, das Lestat letzte Woche demoliert hat, sondern offenbar auch ein nicht unerheblicher Teil der Einnahmen aus Lestats Merchandise.
• Und die wirklich wichtigen Fragen: Wer pinselt Lestat vor dem Konzert eigentlich immer den ganzen Glitter auf den Körper?
3 von 5 stotternden Bananen.