„I’m immortal, more or less. The light of the sun, the sustained heat of an intense fire, Jefferson Starship, garrote-wielding coven members, these things might destroy me. But then again, they might not.“
Lestat erzählt Daniel in einem Interview von seiner großen Liebe Nicolas und von seiner Verwandlung in einen Vampir durch Magnus. Spoiler!
Serving cunt has its consequences
In Toronto bekommt Daniel Molloy endlich sein Interview mit Lestat, auch wenn der weiterhin um seine Fragen herumtänzelt. Die Beziehung zu Nicolas de Lenfent, seiner ersten Liebe, spielt er dabei ebenso herunter wie seine gewaltsame Verwandlung durch den Vampir Magnus. Daniel ahnt nicht, dass Lestat damit vor allem davon ablenken will, dass er sich mitten in einem Nervenzusammenbruch befindet. Unterdessen stattet Louis Bruce einen Besuch ab, um ihn damit zu konfrontieren, was er Claudia angetan hat.
Kompliziert, aber lohnenswert
„Toronto“ ist die erste Folge, die ich zweimal schauen musste, bevor ich überhaupt nur daran denken konnte, meine Kritik zu schreiben. Und es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, bis ich auch wirklich alle meine Gedanken dazu aufgefangen habe. Tatsache ist, es passiert einfach furchtbar viel, und vor allem furchtbar viel, was wichtig ist, um die Figur Lestat zu verstehen. Deshalb, yeah, definitiv eine herausragende Episode, die einem aber auch viel abverlangt und nicht mal so eben nebenbei geschaut werden kann.
Lestat: „Do you want me to murder you?“
Nicolas: „I want you to love me enough to give it to me!“
Die zwei formenden Ereignisse in Lestats Leben
Die beiden großen Themenblöcke, denen sich „Toronto“ widmet, sind die Liebesbeziehung zwischen Lestat und Nicki und die Verwandlung von Lestat in einen Vampir. Beides ist eng miteinander verflochten, deshalb ergibt es Sinn, dass man sich dafür entschieden hat, beides zusammen zu erzählen. Aber ich kann auch den Vorwurf nachvollziehen, dass das alles etwas gehetzt wirkt, weil es Stoff genug für mindestens zwei Folgen gewesen wäre. Vielleicht hilft es, das hier wahrhaftig als Lestats Erzählung zu betrachten, der sich eigentlich weder mit dem einen noch mit dem anderen Ereignis auseinandersetzen will.
Als jemand, der sich unabhängig von „Interview with the Vampire“ seit jeher für Vampirgeschichten interessiert, liegt da der Kern der Geschichte. Unsterblichkeit mag für die einen eine Befreiung sein (für Gabriella ist es das ganz sicher), anderen aber lastet das Gewicht Jahr für Jahr schwerer auf den Schultern. Zugegeben, mir fehlt der Kontext, was genau Nicki so derart in den Wahnsinn getrieben hat. (Ich habe als Teenie zwar viel Anne Rice gelesen, aber eben nur das, was gerade in der Stadtbücherei verfügbar war.) „The Vampire Lestat“ erreicht dennoch sein Ziel, diese Schwere für mich als Zuschauer greifbar zu machen.
Seine Traumata holen ihn schließlich ein
Lestat hat mit der Unsterblichkeit weniger Probleme, nutzt sie aber als Ausrede, sich nicht den Traumata der Vergangenheit stellen zu müssen. Die Zeit heilt schließlich alle Wunden, oder? Hätte Lestat die Situation damals rational betrachtet (betrachten können), wäre er selbst zu dem Schluss gekommen, dass es eine schlechte Idee ist, Nicki zum Vampir zu machen. Schlimmer noch, sich selbst auf eine Weise an ihn zu binden, für die er noch gar nicht bereit war. Ich frage mich, ob er Daniel in der Hinsicht die Wahrheit sagt: War es wirklich Armand, der ihn getötet hat oder will er nur nicht zugeben müssen, dass er Nicki nicht nur erschaffen, sondern auch ausgelöscht hat?
Das weit größere Trauma, das dieses überhaupt erst möglich gemacht hat, ist seine eigene Verwandlung. Erneut, mir fehlt das Hintergrundwissen über Magnus, gewiss gibt es eine Geschichte, wieso er so auf Lestat fixiert war und seinen Fledgling dann sofort im Stich lässt. Aber das alles ist unwichtig, denn hier und heute geht es darum, dass Lestat gegen seinen Willen und auf brutalste Weise verwandelt wurde. Noch dazu, wo er sich gerade erst von der Opferrolle seiner Kindheit und Jugend gelöst hatte. Kein Wunder, dass er sich diese romantisierte Fassung zurecht spinnt, in der Magnus und nicht Lestat schwach wirkt.
„Let’s dig into these songs and see what we get. You have a song, ‚Long Face.‘ The lyrics are, ‚Ooh, ooh, ooh, wah-ah. Ooh, ooh, ooh, wah-ah.‘ What’s the story behind that?“
Rache macht den Verlust nicht rückgängig
Was Louis’ Konfrontation mit Bruce angeht, so dachte ich beim ersten Schauen der Folge noch, dass es unnötig war, diesen Plot ausgerechnet hier einzubauen. Es ist tatsächlich ein Wagnis, Claudias Missbrauch und Lestats Verwandlung mehr oder weniger gegenüberzustellen, weil es zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen sind. Bricht man es jedoch auf das Elementarste herunter, geht es bei beiden um den Verlust der körperlichen Autonomie. Claudias Worte (von Louis vorgelesen) spiegeln Lestats Erfahrung, ohne ihr eigenes Leiden damit zu bagatellisieren.
Louis’ Trauma ist und bleibt Claudias Tod. Er mag sich einreden, dass er Bruce seiner gerechten Strafe zuführt, aber am Ende ist es einfach nur Rache. Rache, die weder Claudia zurückbringt noch die Leere in seinem Herzen füllt. Das ist der Unterschied zwischen ihm und Lestat. Letzterer hat keine andere Wahl mehr als sich seinen Traumata zu stellen, weil die Schutzwälle, die er errichtet hat, schließlich doch bröckeln. Louis ist noch nicht so weit und quält sich stattdessen damit, eine Kellnerin zu stalken, die wie Claudia aussieht.
Interview mit dem anderen Vampir
Lasst mich zum Schluss noch ein paar lose Fäden festziehen. Das Interview-Setting der Folge ist vor allem deshalb so aufschlussreich, weil das, was Lestat sagt, und das, was wir sehen, an vielen Stellen massiv voneinander abweicht. Sam Reid, Mann … Wenn man ihm nach dieser Staffel nicht sämtliche Awards hinterherwirft, weiß ich auch nicht. Was er in diesen Szenen allein mit seiner Mimik erreicht, ist unfassbar. Aber auch, wie er in den Flashbacks nur durch seine Körperhaltung den Unterschied zwischen Mensch und Vampir Lestat deutlich macht, ist großes Kino.
Das Interview macht übrigens immer mehr Spaß, je öfter man es schaut. Daniel versucht, Lestat mit scheinbar unzusammenhängenden Fragen aus dem Konzept zu bringen, und wann immer er glaubt, einen wunden Punkt getroffen zu haben, beginnt sein ganzes Gesicht zu leuchten. Will Lestat ihn wirklich nur ärgern, als er ihm die Geschichte mit Nicki telepathisch erzählt? Er stellt es zweifellos so hin, aber dieser Einblick in seine Gefühlswelt ist so tief, dass er nie für die Öffentlichkeit bestimmt war. Was andererseits zeigt, wie wichtig es ihm war, dass Daniel sie hört.
„Toronto“ nutzt zudem erstmals wirklich das Potenzial der Songs, die die Serie begleiten. Nicht nur als Lückenfüller für die Konzert-Szenen, sondern als natürliche Erweiterung der Erzählung. In „I’m your biggest Fan“ zeichnet Lestat dieses verklärte Bild von seiner Verwandlung, komplett mit Montage im Musikvideo-Stil der 1980er. Aber es ist „The Loneliness“, das lange nachwirkt. Auf seine Weise ist der Song ein echter Ohrwurm, aber er markiert eben auch Lestats Versuch, sich den Geistern zu stellen, die ihn verfolgen.
Christ, there’s not enough room in this box for your desperation
• Soll Lestats „he led a brief and incidental life as a vampire“ implizieren, dass Daniel stirbt? Ich hoffe, damit will man uns nur auf eine falsche Fährte locken, ich mag ihn.
• Apropos, Daniels Maker Armand ist auch wieder im Spiel. Er sitzt zufällig im selben AA-Meeting wie Alex (der geflohene Gitarrist) und nennt sich jetzt wieder Arun.
• Dass Louis inzwischen das „cloud gift“ gemeistert hat, wussten wir noch nicht, oder?
• Rein kinematografisch das schönste Bild: Das Opossum, das den abgehackten Kopf eines Vampirs anleckt, während im Hintergrund Louis als bloßer Schatten durch das Haus von Bruce wütet. (Dicht gefolgt vom fallenden CN Tower als Metapher für Lestats Zusammenbruch kurz vor seinem Autounfall.)
• Gabriella ist so krankhaft auf ihren Sohn fixiert, dass sie sich sogar von Jarda nageln lässt, während Lestat Daniel sein Interview gibt.
• Nicolas’ Vater bittet Lestat „help him be a man“, und Chef’s kiss an den Editor, der daraufhin zu einem (viel zu kurzen) Moment schneidet, wo Lestat Nicolas hilft, ein Mann zu sein. *wink, wink*
5 von 5 verbrannten Bananen statt Lego und Peppa Pig.