„I conduct the chaos. She’s one of the many chainsaws I juggle.“
Lestat probt für sein letztes Konzert in Montreal und verbringt Zeit mit Louis. Eine Hexe soll Claudias Geist rufen, damit sie endlich Abschied nehmen können. Spoiler!
Why are you being so nice? I don’t like it.
Lestat Album ist veröffentlicht und beim menschlichen Publikum durchgefallen. Die Vampir-Gemeinde jedoch feiert ihn und reist in Scharen für das geplante Abschlusskonzert in Montreal an. Louis, der für das Konzert und die Eröffnung seines neuen Restaurants in Lestats Gästezimmer wohnt, rät ihm von dem Auftritt ab, weiß aber, dass er damit nichts erreicht. Für den Halloween-Abend hat Lestat die Hexe Merrick Mayfair zu sich eingeladen, damit sie Claudias Geist heraufbeschwört. Doch der erhoffte versöhnliche Abschied endet im Desaster.
Die perfekte Folge
„Montreal“ ist Perfektion. Punkt. Ihr mögt meine Bewertung Beschiss nennen, aber die Sache ist die: 5 Bananen kriegen eh schon nur die Geschichten, die mich wirklich begeistern. Das hier ist ein ganz neues Level, wie soll ich ein absolutes Meisterwerk denn bewerten? Als Autorin stehe ich voller Ehrfurcht vor diesem Drehbuch, das federleicht von Rom-Com zu Drama zu Horror springt und das Ganze dann auch noch mit einem irren Cliffhanger garniert, den mutmaßlich niemand hat kommen sehen.
„Clearly, somewhere in the self-destructive scaffolding I house my heart in, I wanted it known. But where I am a mystery to myself is why I wanted it now, the night before I go on stage, the hour before the witch arrives. Why do I actively, maniacally pursue failure?“
Loustat is back
Der Einfachheit halber gehe ich bei meiner Besprechung heute mal streng chronologisch vor, denn ohne ein einziges Flashback ist diese Folge tatsächlich fast konventionell strukturiert. Jede Szene baut auf der vorherigen auf, und ich gestehe, nach dem Chaos bisher finde ich das mal ganz angenehm. Der Fokus von „Montreal“ liegt jedenfalls auf der Beziehung von Lestat und Louis, und so ungefähr die erste Viertelstunde ist reinste Rom-Com. Die zwei scheinen endlich die Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben und flirten heftig miteinander.
Ehrlich, es ist wundervoll mitanzusehen und vor allem anzuhören, denn die Dialoge sind superb. Da ist eine Leichtigkeit zwischen ihnen, die dennoch ihre lange Geschichte durchschimmern lässt, und selbst kritische Worte nehmen sie einander nicht übel, sondern können sogar darüber lachen. Beim Abschluss-Interview mit Daniel treten sie eigentlich schon wieder klar als Paar auf und machen keinen Hehl daraus, dass sie ihre Vergangenheit nicht länger vor anderen ausbreiten wollen. Was Daniel noch passiv-aggressiver macht als sonst schon.
Der Wahrheit in Gesicht sehen
Der nächste Block ist die Konzertprobe, bei der Louis endlich auch „Sofia“ kennenlernt. Die Interaktion zwischen den beiden bietet Stoff für eine ganz eigene Abhandlung, es ist unübersehbar, dass Louis – nicht ahnend, wer sie tatsächlich ist – weit weniger an ihr interessiert ist als sie an ihm. Und dann kommt „Brutal Love“, eine herzzerreißend schöne Ballade, die Lestat offensichtlich für Louis singt. Gabriellas Blick zur Seite, als ihr aufgeht, dass sie einmal nicht im Zentrum von Lestats Aufmerksamkeit steht, spricht Bände.
Doch da springt Daniel auch schon wieder aus der Box. Lemuel schickt Louis einen Link zu einem Vorabausschnitt aus seiner Dokumentation: ein Sex-Tape von Lestat und Sofia, begleitet von einem Interview mit Armand, der den Zuschauern eröffnet, dass das Gabriella ist, Lestats Mutter. Bämm! Louis weiß sichtlich nicht, wie er damit umgehen soll, was er fühlen soll, und als er Lestat damit konfrontiert, scheint auf einen Schlag jeder Fortschritt zwischen ihnen dahin zu sein.
Was folgt, ist rohe Emotion, die ich so wirklich noch nicht auf dem Bildschirm gesehen habe. Lestat versucht sich zu verteidigen, dass sie ja keine Menschen sind, all die bekannten Argumente. Doch man kann richtiggehend beobachten, wie bei ihm endlich der Groschen fällt, dass nichts davon „normal“ ist, dass er missbraucht wurde. Er schlägt verbal um sich, wirft Louis vor, bei all seinen Problemen immer für ihn dagewesen zu sein, ohne ihn zu verurteilen – und wird von einer Panikattacke überwältigt. Die anschließende Umarmung, um ihn zu beruhigen, ist schlicht das Purste, was ich seit langem gesehen habe.
„I hate you! More than anything and anyone I have ever known, more than my dad that left me, more than my auntie that whipped me, more than Bruce that stuck it in me, more than the pack of vamps that seduced and burned me! I hate you to the pit of all things.“
Kein sauberes Ende
Was „Montreal“ über die Höchstwertung hinaus katapultiert, ist, dass diese emotionale Tour de Force noch nicht mal der Höhepunkt der Folge ist. Denn wir schließen den Abend mit einer Séance, um Claudia zu beschwören und zu zeigen, wie wenig Louis und Lestat verstanden haben. Wie schon bei Bruce ging es ihnen nie um Claudia, sondern nur darum, ihr eigenes Gewissen zu beruhigen, für sich selbst einen Abschluss zu haben. Den versöhnlichen Abschied jedenfalls gönnt sie ihnen nicht.
„I hate you“ ist dabei noch das harmloseste, was sie ihnen an den Kopf wirft, und es steht in so krassem Gegensatz zu der Claudia, die Louis in „Interview with the Vampire“ beschrieben hat. Was erneut zeigt, wie Gefühle Erinnerungen färben. Diese Claudia ist sehr viel realer, ihre Wut über ein verlorenes Leben greifbarer, und die große Ironie dahinter ist, dass sie nun schon wieder zum „bandaid for a shitty marriage“ gemacht wird, indem diese Erfahrung Louis und Lestat näher zusammenbringt.
Ich habe noch überlegt, ob ich es besser gefunden hätte, wenn dieser Auftritt für sich gestanden hätte, ohne das Geplänkel mit Regina im Vorfeld. Aber vielleicht wäre die Wirkung dann eine andere. Regina hat Louis seine Idealversion von Claudia vorgespielt und damit sehr präzise seine eigene Egozentrik herausgestellt. Es ist dieselbe Egozentrik, die ihn glauben lässt, dass sie sich dafür bedanken sollte, dass er Bruce getötet hat. Oder ihn glauben lässt, dass sie sich genauso nach einem Abschied sehnt wie er.
Bloß nicht den Kopf verlieren!
Ja, und dann haben wir natürlich diesen Cliffhanger, bei dem Daniel und Armand unseren beiden Turteltauben die Köpfe abhacken. Was, wenn wir ehrlich sind, gar kein echter Cliffhanger ist und mehr als Schockeffekt dient. Wir wissen, dass beide überleben werden, aber ich weiß zu schätzen, dass sie die Thematik mehrmals in der Staffel angesprochen haben, um das vorzubereiten. Die Frage ist doch vielmehr, was ist die Geschichte dahinter? Zumindest Armand sollte wissen, dass Lestat nicht so leicht totzukriegen ist.
Die Tatsache, dass sich „The Vampire Lestat“ keine Zeit genommen hat, die Story von Armand und Daniel richtig zu erzählen, ist auch der einzige Kritikpunkt, den ich hier anbringen werde. Denn das betrifft eben nicht diese Folge, sondern die ganze Staffel. Bei Alex kann ich nur vermuten, dass er denkt, Larry habe wirklich Selbstmord begangen und Lestat sei der Grund. Oder Armand hat ihm längst das halbe Gehirn püriert, wer weiß.
Strings, you could do more
• Das hätte hier den Rahmen gesprengt, aber ich finde es total spannend, dass Gabriella schon ihre nächsten Schritte nach dem Konzert plant. Ich bin mir nicht sicher, ob es noch ein Danach gibt, wenn Lestats Konzert erst mal 50.000 Vampire zur „Great Conversion“ aufstachelt.
• Louis’ Restaurant trägt den treffenden Namen „Sangsue“, zu Deutsch „Blutegel“.
• Der Anblick des unnatürlich braungebrannten Daniel war echt schräg.
• Nur zur Erinnerung: Lestats Perspektive! Er bekommt bei der Séance nämlich deutlich weniger ab als Louis. Und war die Sache im Zug nun wirklich eine Lüge oder erzählt Lestat nur, Claudia habe gelogen? Hmmm.
∞ von 5 kopflosen Bananen im Gästesarg.