„Dying. Not yet dead.“
Lestat muss sich mit seinen Fehlern und deren Konsequenzen auseinandersetzen, während Armand Louis zu einer Entschuldigung bewegen will. Spoiler!
Course 187, the soul
Von Armand und Daniel geköpft, landen die Körper von Lestat und Louis in einer abgelegenen Metzgerei. Während Armand Louis’ Kopf eine Entschuldigung für seine Sünden zu entlocken versucht und dafür sogar Reginas Leben bedroht, befindet sich Lestats Kopf in einer Tasche verstaut, die Daniel zum Bowling mitnimmt. Derart ungestört, taucht Lestat in eine Traumwelt ab, in der sein Schöpfer und seine eigenen Schöpfungen über all die angeblichen Fehler zu Gericht sitzen, die er begangen hat.
Für sich gesehen gut, als Finale schwach
Ich schätze, nach dem Meisterwerk „Montreal“ war die Enttäuschung unvermeidlich, insofern sollte ich nicht so überrascht tun. Konzeptuell sehe ich, wo sie mit „The Failures“ hin wollten, doch es fühlt sich wie das Finale einer ganz anderen Geschichte an als die, die wir gesehen haben. Zum einen, weil die ganze Story um Armand komplett im Hintergrund lief, zum anderen, weil sich seine Intervention schlussendlich als persönlich motiviert erweist. Es hat schlicht nichts mit Lestats Konzert oder der „Great Conversion“ zu tun, und das waren die zwei Dinge, die uns die ganze Staffel über wie eine Karotte vor die Nase gehalten wurden.
Das heißt explizit nicht, dass die Folge inhaltlich schlecht ist; wie so viele andere wird sie bei mehrmaligem Schauen nur besser und besser. Unabhängig von der größeren Handlung bietet sie zudem einen befriedigenden Abschluss für Lestats Ringen um die Fehler seiner Vergangenheit, was die Karten für die kommenden Ereignisse völlig neu mischt. Dennoch hätte ich „The Failures“ eher als vorletzte Folge gesehen, nicht als Staffelfinale. Also, ja, lassen wir es so stehen, ich bin etwas enttäuscht.
„I wanted you to escape Auvergne. Run from this place. Did you run? No. Did you stay home until you were 30? Cabbage!“
Lestats Seele steht zur Debatte
„We are the failure finders, judgment comes from God, Satan, the Simulation“, sagt Magnus, und so dürfen wir selbst entscheiden, ob Lestat nur träumt oder vielleicht doch seine Seele „gewogen“ wird. Falls es sein eigenes Unterbewusstsein ist, schont es ihn jedenfalls nicht und legt all seine Unvollkommenheiten bloß. Nichts davon ist wirklich neu, der Unterschied ist, dass Lestat es nun nicht mehr einfach beiseite wischen kann und dadurch hinterfragt, welchen Einfluss seine Ankläger auf die Ereignisse hatten. (Registrieren wir bitte kurz die Ironie, dass die Ankläger allesamt Lestat selbst sind, sollte das wirklich nur ein Traum sein.)
Gabriella hat ihren Sohn in jungen Jahren traumatisiert, als sie ihn zur Hexenverbrennung mitnahm (eine „Erziehungsmaßnahme“, die er bei Claudia wiederholte), und seine Anhänglichkeit anschließend für ihre eigenen Zwecke missbraucht. Magnus hat Lestat sein „Geschenk“ der Unsterblichkeit mit Gewalt aufgedrängt und ihn damit zum ewigen Opfer gemacht. Natürlich kann Lestat nicht für immer andere für seine Fehler verantwortlich machen. Aber zu erkennen, wo ihm Unrecht getan wurde, ist ein wichtiger Schritt, um das Muster zu durchbrechen, sich selbst zu verzeihen und … es künftig besser zu machen?
Fehler macht nur, wer etwas wagt
Es hat Symbolkraft, wenn Lestat schließlich, den Tod unmittelbar vor Augen, das Narrativ wieder in die eigene Hand nimmt. Hat er sich zuvor geradezu verzweifelt gegen die Vorwürfe seiner Ankläger gewehrt und wie ein verwundetes Tier um sich geschlagen, tritt er nun einen Schritt zurück. Und statt sich weiter zu erklären, sagt er den wohl wichtigsten Satz des Abends: Ja, vielleicht hat er Fehler gemacht, aber das zeigt nur, dass er wenigstens etwas versucht hat. (Mic drop.)
Wie sehr er sich durch diese Erfahrung bereits verändert hat, sehen wir, als er nach seiner Rettung wieder aufwacht. Kaum hat er sich von der ersten Verwirrung erholt, lautet seine erste Frage: „Where is Louis?“ Dank Paul, der Lestat in seinem Traumzustand versichert hat, dass Louis ihn liebt, auch wenn er es nicht zeigen kann, haben diese zwei Dummköpfe vielleicht wirklich noch eine Chance. Aber zuerst ist da ja noch dieses Konzert, bei dem Lestat keinesfalls auftreten will, wie er Gabriella mehr als deutlich sagt. Well …
„You are all here tonight because I murdered you, made you, or memorably traumatized you. Congratulations for your historical proximity to me. No doubt it was the defining moment of your life.“
Ehrlichkeit profitiert von Folter erheblich
Verglichen mit Louis geht es Lestats Kopf in Daniels Bowlingtasche ansonsten ziemlich chillig. Louis’ Kopf nämlich wurde aufgespießt und ist gezwungen, Armands sorgfältig ausformulierter „Entschuldigung“ zu lauschen. Nicht nur das, Armand erwartet als Dankeschön, dass er sich auch bei ihm entschuldigt. Weil Entschuldigungen, die man kopflosen Leuten durch Folter entlockt, wirklich von Herzen kommen. Ich weiß, ich weiß, das alles ist echt hart und dramatisch, aber seid ehrlich, es ist auch ein bisschen grotesk, nicht?
So richtig bin ich nicht dahintergekommen, was das alles sollte, da will ich ehrlich sein. Wie gesagt, der Plot um Armand hat die ganze Staffel über auf Sparflamme geköchelt, und wir erfahren jetzt im Infodump™, dass er jahrelang daran gearbeitet hat, Louis angemessen zu quälen. Dass Louis sich am Ende aufrichtig entschuldigt, tut er ziemlich sicher nicht Armand zuliebe. Ich glaube, nicht mal Regina ist ihm zu dem Zeitpunkt noch wichtig, es ist ein letztes Tabula rasa kurz vorm sicheren Tod. Dass macht die Entschuldigung nicht weniger ehrlich, nur irgendwie … unverdient?
Uns ging leider die Zeit aus
An dieser Stelle möchte ich gerne zwei Dinge ansprechen, die meinem Empfinden nach so ein bisschen wie lose Fäden herumbaumeln. Das eine ist Daniel, dem diese Staffel leider wirklich nicht gerecht geworden ist. Es blieb schlicht zu wenig Zeit, um sein „transformational trauma“ ernsthaft zu ergründen, stattdessen wurde er nur von Lestat zu Armand durchgereicht. Was war seine Rolle in Armands großem Plan? Hatte er überhaupt eine oder wurde er mit Lestats Kopf nur weggeschickt, damit er aus dem Weg ist?
Mein zweites großes Problem ist der Talamasca. Ich mag Raglan James total gern und würde mich freuen, mehr von ihm zu sehen. Aber hat eigentlich irgendjemand, der die Bücher nicht zur Gänze kennt, verstanden, was diese Organisation mit der „Great Conversion“ zu tun hat? Ich ging nämlich bisher davon aus, dass denen daran gelegen ist, die Vampir-Population im Zaum zu halten. Nun sieht es allerdings so aus, als wollten sie die „Great Conversion“. Nanu?
„What did I say at the start of this, as to the Queen, as to destruction unleashed? Something about the regretful dead and the … hmm, what was it? Traumatized alive. That I had made a contribution. Let me take that back. The fault was mine. All mine.“
Ein wilder Ritt, aber unfertig
Wie schwer es ist, ein Fazit für diese Staffel zu ziehen! Mehr noch als nach der ersten Staffel wirkt die Geschichte unfertig, so dass es eigentlich unfair ist, sie jetzt schon zu beurteilen. Nicht, dass dieses Urteil schlecht ausfiele, ich bin von „The Vampire Lestat“ wirklich hellauf begeistert. Man merkt, dass dies keins dieser Mainstream-Projekte ist, das entlang irgendwelcher Studio-Vorgaben entstanden ist oder so lange verwässert wurde, bis es vermeintlich alle und dadurch niemanden mehr anspricht. Hier sitzen kreative Leute, die mutige Entscheidungen treffen, die nicht jedem gefallen mögen, aber eine klare künstlerische Vision zeigen.
Am deutlichsten wird das am stilistischen und tonalen Bruch zwischen zweiter und dritter Staffel. Das ist anfangs gewöhnungsbedürftig, durch die Dichte der Erzählung aber nicht weniger reichhaltig. Das ruhigere „Interview with the Vampire“ entblättert seine Schichten nach und nach, so dass man auch bei mehrmaligem Schauen noch neue Nuancen entdeckt. „The Vampire Lestat“ dagegen ist wild und überladen, so dass man viele Details erst nach mehrmaligem Schauen entdecken kann. Das eigentlich Bemerkenswerte ist, dass sich das trotzdem konsistent anfühlt, davor ziehe ich ehrlich meinen Hut.
Erfreulicherweise hat man uns auch nicht lange zappeln lassen und die vierte Staffel recht schnell angekündigt. Dafür wird der Titel der Serie erneut geändert und lautet fortan: „Queen of the Damned“. Vielleicht mache ich mir diesmal tatsächlich den Spaß, das Buch vorher noch mal zu lesen, da ich es, wie ich schon erzählte, sogar besitze. Zeit werde ich dafür sicher genug haben, denn ich bezweifle, dass es vor 2028 weitergeht. Auf jeden Fall bin ich froh, dass die Geschichte weitererzählt wird, und wer weiß, aus welcher Perspektive als nächstes …
Rescue the head, save the planet?
• Es ist bezeichnend, dass die Folge immer wieder auf das „could be nice“ aus „Montreal“ zurückkommt. Daraus spricht so viel Hoffnung und, ja, auch Zärtlichkeit, die zwischen Lestat und Louis häufig fehlte.
• Was für eine Enthüllung, dass Regina eine „Kreation“ Armands war. Ganze 19 Mal hat er sie in Louis’ Nähe platziert, bevor er sie endlich bemerkt hat.
• Bevor er geht, ritzt Armand Louis noch etwas in die Brust, und ich frage mich, ob Claudia das meinte, als sie während der Séance sagte, er habe „a little etching on your rib cage, says you’re a slave“.
• Können wir bitte kurz zur Kenntnis nehmen, dass sich Lestat offenbar an jedes seiner Opfer erinnert? Namentlich! Ich finde, das sagt viel über ihn aus.
• Raglan erwähnt, dass es weltweit etwa 1.600 Vampire gab, als er Daniel zum ersten Mal traf. Inzwischen sind es 290.000. Diese Zahl ist echt heftig.
• Ein weiterer Flashforward als Cliffhanger. Interessanter als die Ruinen, auf die Lestat blickt, ist natürlich, dass er im Tageslicht steht, ohne dass es ihm etwas ausmacht.
3 ½ von 5 Bananen im Vampir-Spektrum.
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