Was ist die KI für Autoren von heute? Krücke? Sehhilfe? Inspiration oder Kreativitätskiller? Moralische Grauzone oder gar reiner Betrug? Meine persönliche Meinung dazu.
Wie für alle elektronischen Hilfssysteme gilt auch beim Einsatz von KI für Autoren: Man kann sich ihrer bedienen, um schneller, leichter oder überhaupt zu einem Ergebnis zu kommen.
Dabei macht die Dosis das Gift. Ich kann mit einer KI eine Szene diskutieren, bei der ich partout nicht weiterkomme, oder ich kann sie bitten, mein Buch zu schreiben. Ich kann den Vorschlag der KI ungelesen übernehmen (es soll eigenverlegte Romane zu kaufen geben, auf deren Seiten ein euphorisches, dem Lektorat(?) entschlüpftes: „Das war schon eine tolle Szene bis hierher. Lass uns jetzt herausfinden, wie der Protagonist darauf reagiert. Ich kann seine Reaktion actionreich oder ruhiger formulieren, sag einfach Bescheid“ zu lesen waren), oder ich lasse ihn mir durch den Kopf gehen und nutze ihn nur als Inspiration für einen selbstgeschriebenen Text.
KI wird generell kontrovers diskutiert, und das nicht nur in den schöpferischen Künsten. Rechtsanwälte, die sich auf KI-erfundene Urteile berufen, sind ein unangenehmes Beispiel. Aber gerade in kreativen Berufen ist KI auch ein Jobkiller, da es von den Arbeitgebern eben so einfach und vor allem fast kostenlos nutzbar ist. Ihnen scheint dabei egal zu sein, dass das Ergebnis deutlich als seelenloses KI-Produkt erkennbar ist, solange sie Löhne für professionelle Dienstleister sparen können.
Darüber hinaus steht der KI-Boom der letzten Jahre auch deshalb zurecht in der Kritik, weil er einschneidenden Einfluss auf die Umwelt hat. Rund um KI-Zentren kommt es zu Wasserknappheit, Hitzeentwicklung und Lärmbelästigung. Speicherchips werden teurer, was auch andere Hardware, wie Autos, Smart Home-Schnittstellen oder Grafikkarten betrifft.
So viel Gutes KI auch bewirken kann, wenn man sie zum Beispiel in der Medizintechnik beim Erkennen von Tumoren etc. umsichtig und reflektiert einsetzt, so sollte man nie den Preis vergessen, den es dafür zu zahlen gilt.
Um all diese validen Einwände soll es in diesem Beitrag aber nicht gehen, so sehr ich sie anerkenne. Auf alles an diesem extrem komplexen Thema einzugehen, würde hier schlichtweg den Rahmen sprengen. Stattdessen möchte ich mich der isolierten Frage widmen, ob KI generell zu verteufeln ist, oder wenn nicht, bis zu welchem Ausmaß seine Nutzung noch vertretbar wäre.
Dazu mein persönliches Beispiel: Ich liebe es, meine Figuren per KI zu visualisieren. Nicht, weil ich keine Ahnung habe, wie sie aussehen, sondern weil es etwas Besonderes ist, sie tatsächlich als Bild vor Augen zu haben. Dabei bietet mir die KI nichts an, was mir selbst nicht eingefallen wäre – im Gegenteil. Es ist sakrisch schwer bis teilweise unmöglich, ihr meine Vorstellung begreiflich zu machen. Ich mag versehrte Charaktere, mit Narben oder gar fehlenden Gliedmaßen, keine aalglatte Perfektion, sondern Wesen, die vom Leben und den Abenteuern, die ich für sie erfinde, gezeichnet sind. Die KI, die ich nutze, scheint das nicht zu kennen. Alle Bilder zeigen immer konventionelle Schönheiten, schlanke Models, Männer mit kantigen Kinnen oder zarte Boyband-Mitglieder. Narben sind feine Linien oder kaum sichtbare Hautverfärbungen. Und perfekte Zähne haben sie alle.
Also gleicht meine Nutzung der KI auch immer einem Kampf, ihr beizubringen, was ich haben will. Und wie oft habe ich sie schon sagen hören: „Oh, ja, jetzt weiß ich, was du meinst!“, nur um kurz danach dasselbe, immer noch falsche Bild erstellt zu bekommen. Aber ab und zu stößt man auf Gold, und ich nutze das dann, um mich vor einer Szene auf die Figuren einzustimmen. Was die KI nämlich inzwischen gut kann, sind stimmungsvolle Bilder – wenn man auch bei den Details nicht allzu genau hingucken sollte.
Natürlich könnte man einwenden, dass ich dafür auch einen Künstler hätte engagieren können, aber seien wir mal ehrlich: Ich benutze das entstehende Bild weder als Buchcover noch als ein Artwork, das ich als meines ausgebe. Es ist der Ersatz der Collagen, die ich früher aus Zeitungsausschnitten und ausgedruckten Bildern aus dem Internet zusammengeklebt habe. KI übernimmt das jetzt für mich und ist dabei schneller und deutlich näher an meiner Vorstellung. Zumindest, wenn sie mal verstanden hat, was ich will.
Aber eine Grenze, die ich nicht überschreiten möchte, ist, mir von der KI Hilfe bei Szenen zu holen. Ich möchte mich nicht auf sie verlassen, mich aus der Sackgasse zu holen, in die ich mich geschrieben habe. Ich habe das Gefühl, dass dies meine Aufgabe ist. Teil des Spaßes und der Herausforderung des Schreibens. Und ich schreibe jeden Text, auch hier im Blog, noch immer selbst, ohne KI, auch wenn ich mich dabei oft sehr gespreizt anhöre, dass man eventuell genau das vermuten könnte. Ich liebe auch den Einsatz von Gedankenstrichen, Wortdoppelungen und Metaphern. Ich liebe es, eine Sprache so zu verwenden, dass sie danach schön klingt. Vielleicht nicht in jedermanns Ohren, zugegeben. Aber Sprache ist ein so tolles und vielseitiges Instrument, wie könnte man da nicht?
Aber zurück zur eigentlichen Frage: Ist es denn nun verwerflich KI zu verwenden? Manche würden sagen: Ja, alles was die KI ausspuckt, sind Fragmente von künstlerischen Leistungen anderer, die sie sich ohne Erlaubnis angeeignet hat, und sie in jedweder Form anzuwenden ist falsch.
Andere würden einwenden, dass sie im richtigen Maß verwendet mehr nutzen kann als schaden. Dass man sie einsetzt wie ein Digital-Künstler ein Grafikprogramm, bei dem klassische Maler kritisieren könnten, ohne Pinsel und echte Farbe sei das Ergebnis wohl kaum Kunst, wenn sich jeder Fehlstrich mit einem Klick rückgängig machen lässt.
Ich persönlich finde, dass moderne Elektronik einfach eine neue Perspektive und neue Möglichkeiten liefern kann, kreatives Schaffen aber nicht grundsätzlich als solches beeinträchtigt oder aufhebt.
Wenn ich eine Internetsuchmaschine frage, welche Synonyme es beispielsweise für das Wort „Brücke“ gibt, bin ich dann zu unkreativ, da selbst draufzukommen? Ist das Internet dann der Autor dieses Synonyms, und nicht mehr ich? Ist mein Buch dann nur noch zu 99,9% mein kreatives Eigentum? (Und überhaupt, wie viel ist beim Schreiben schon echte kreative Eigenleistung, gänzlich unbeeinflusst von Werken, Wortschätzen und Visionen anderer Autoren? War nicht alles in irgendeiner Form schonmal da?)
In meinen Augen kann KI im Kleinen eine Hilfe sein oder Inspiration liefern, aber wer natürlich ganze Absätze oder ganze Bücher von ihr schreiben lässt, dessen Qualifikation als Autor ist zumindest fragwürdig. Vor allem, wenn der nächste Schritt darin besteht, das Machwerk hochzuladen und zu verkaufen, ohne diese nicht unerhebliche Hilfestellung anzugeben und dem zukünftigen Leser zu überlassen, ob er so etwas lesen will oder nicht.
So oder so, KI ist – nicht nur in kreativen Künsten –*) nicht mehr wegzudenken. Und wie jede einschneidende Innovation stößt auch sie beim Publikum auf unreflektierten Jubel und generalisierende Ablehnung, sowie alles dazwischen. KI betrifft Menschen aber auch in einem tief persönlichen oder gar existenziellen Teil ihres Lebens, sodass diese ihr verständlicherweise auch nicht mehr neutral gegenüberstehen können.
Wenn ich KI wie oben beschrieben nutze, um Bilder für den rein persönlichen Gebrauch zu erstellen, beschleicht mich deshalb auch immer ein schlechtes Gewissen. Obwohl ich denke, dass auch das keine sinnvolle Herangehensweise an das Thema ist. Denn KI an sich ist weder gut noch schlecht, sie ist in erster Linie ein Werkzeug, dass eine Anwendung erleichtert.
Fazit (persönlich):
Bei einem Thema, das keine Grauzone, sondern ein ganzes Graustufen-Universum beinhaltet, kann man kein abschließendes Urteil erwarten. Mir fiel es schon in diesem Beitrag schwer, so viele Facetten zumindest sehr oberflächlich anzureißen, ohne ziellos zwischen ihnen hin- und her zu mäandern (was mir leider nicht ganz gelungen ist). Das hier ist sicher mein längster Beitrag auf diesem Blog, und dennoch kann man mir sicher noch das Auslassen des ein oder anderen Für und Wider-Argumentes vorwerfen.
Mein persönliches Fazit ist: KI kann unglaublich hilfreich sein, indem sie zum Beispiel bestimmte Krankheiten schneller und präziser erkennt als jeder Arzt es könnte. Sie kann auch unheimlich schädlich sein, indem sie Arbeitsplätze gefährdet, wobei sie einen mehr als fragwürdigen Ersatz zu bieten scheint.
Doch wie gesagt: Sie macht in manchen Belangen auch einfach nur Spaß, und ebenso, wie man ab und zu mal Langstrecke in den Urlaub fliegen darf, ohne sich durch die Folgen für die Umwelt davon abhalten zu lassen, ist auch das in meinen Augen legitim. Sie darf Spaß machen.
Voraussetzung ist, wie so oft, dass man dieses Werkzeug als Teil unseres modernen Lebens in Maßen und reflektiert einsetzt.
*) Da sind sie, die Gedankenstriche. 😉
Das Thema ist ja ein weites Feld; Räume und Abende füllend. Wenn man möchte regt einem das schon auch zum Nachdenken an. Vielleicht auch über das Denken selbst und wie eigentlich Denken Ansich funktioniert. Und weil du sagst wie wirklich schwierig es ist der KI begreiflich zu machen was man eigentlich meint oder möchte und ich denke mir klar wie soll ein Computerprogramm die Dinge auch verstehen. Es ist zwar schnell aber irgendwie ist es ja bloß ein Ratespiel sage ich mal, eine Operation mit riesigen Datenmengen und Wahrscheinlichkeiten. Kann gar nicht anders sein.
Wie auch. Solch ein Programm oder meinetwegen auch Agent hat ja in dem Sinne keinen sinnlichen Zugang zu unserer Welt und kann auch nicht auf das ‚gewachsene‘ Wissen der Evolution und der Menschheit zugreifen. Es weis nicht was zum Beispiel das Wort Wasser bedeutet. Was Wasser wirklich ist. Wir wissen ja auch noch längst nicht alles aber immerhin ist mein Zugang zu einem Tautropfen auf einem Blatt ein anderer, meine ich jedenfalls, als es die vielen Nullen und Einsen sind welche mir sagen das sie verstehen wovon ich rede.
Dann sind auch die riesigen Text und Bilderfluten welche produziert werden. Ich denke mir, die Daten wovon das Gebilde lernt sind in vielem wohl auch ein wenig zu hinterfragen sowohl in Qualität als auch in der Herkunft. Ich meine wenn Kis zum Beispiel Text produzieren und die Trainingsdaten sind eher Meh und diese Texte fließen wieder in andere Trainingsdaten ein. Hm. Was folgt daraus?
Dann soll es meintwegen ein Werkzeug sein welches mir wirklich und tatsächlich bei bestimmten Problemen ein Helfer ist (kein Messer in der Hand eines Wahnsinnigen sondern ein Skalpel in der Hand eines Chirurgen) und ob es nun besser Schach oder Go spielen kann soll mich nicht weiter interssieren. Obwohl von einem Meister kann man lernen. Kreativität soll es mir nicht ersetzen. Aber es ist verführerisch und die Bequemlichkeit des Menschen und die Versuchen den scheinbar einfacheren Weg zu gehen sind allgegenwärtig. Letztlich denke ich liegt es allein an uns zu wissen wo gewisse Grenzen liegen und wo Halt zu machen ist.
Oder aber die Menschheit muss diesen Weg weiter gehen. Muss sich von gewissen Dingen trennen welche unser bisheriges Menschsein ausgemacht haben. Wohin der Fluss der Zeit uns trägt? Ich weis es nicht. Vielleicht ist auch etwas dran an dem weisen Wort das man sich weder gegen die Strömung stellen noch mit ihr treiben lassen sollte. Den Weg gestalten während man ihn geht. Oder so.
Jedenfalls Helen, danke für deinen Beitrag.
Sehr gerne.
Aber wie du sehr schön gesagt hast, man „muss sich von gewissen Dingen trennen welche unser bisheriges Menschsein ausgemacht haben.“
Das kann man begrüßen oder bedauern, aber aufhalten wird es sich nicht lassen.
Da gebe ich zu, habe ich vielleicht zu offene Arme. Ich bin eher neugierig und schnell zu begeistern, was möglich ist. Gerade als Vorsortierer von Recherchen ist es für mich unabdingbar, auch beruflich. Da ist KI halt um ein Vielfaches schneller und daher effektiver.
Mit dem Thema hast du dir wirklich einen Brocken rausgesucht und so viele spannende Punkte angesprochen. Wahrscheinlich könnte ich problemlos noch mal genauso viel dazu als Kommentar schreiben. 😬 Stattdessen picke ich mir mal zwei Aspekte heraus, die meiner Meinung nach immer noch etwas untergehen: Urheberrecht und Urheberschaft.
Das Urheberrecht hinkt den realen Entwicklungen – mal wieder – um Jahre hinterher. Und ja, man mag einwenden, es ist ein Unterschied, ob jemand z. B. ein Musikstück klaut und kostenlos im Netz verteilt oder eben fremde Texte für das Training einer KI verwendet. Nur, ist es das wirklich? Der Autor will von seiner Arbeit schließlich genauso leben können wie der Musiker oder Filmemacher. Diese Praxis, Texte zu nutzen, ohne die Urheber dafür zu bezahlen, ist, man muss es einmal so deutlich sagen, Diebstahl geistigen Eigentums.
Ergänzend sei angemerkt, dass die KI auch nicht wirklich „intelligent“ oder gar „kreativ“ ist. Sie operiert ausschließlich auf Basis von Wahrscheinlichkeiten: Welches Wort folgt meistens auf dieses und welches auf jenes? Das ist der Grund, warum KI-generierte Texte trotz allen Trainings immer gleichförmig und unpersönlich klingen und ohne jede Friktion sind. Und genau diese überschwemmen nun das Internet und drängen allein durch die schiere Masse menschliche Autoren noch weiter aus dem Markt.
Was mich zum Thema Urheberschaft bringt: Wem gehören eigentlich die KI-generierten Texte? Es gibt hier natürlich eine gewisse Schnittmenge zur Problematik der Kennzeichnung, die erst jetzt nach und nach gesetzlich geregelt wird. Aber schon hier entstehen etliche Grauzonen, denn sobald ein KI-generierter Text von einem Menschen redigiert wurde, gilt er bereits nicht mehr als KI-generiert und muss nicht zwingend gekennzeichnet werden. (Bei Bildern und Videos ist die Gesetzgebung tatsächlich um einiges strenger.) Aber die Frage bleibt, gehören die Texte, die ich erstelle, mir oder der Firma, die die KI zur Verfügung stellt?