Liebeshandlungen | Nur gucken, nicht anfassen!

„As he stared at her, he reached around his back and held his own hand, pretending he was holding hers. And at that very moment, she was pretending to be holding his.“
Die Serien „Dark Angel“ und „Pushing Daisies“ könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch haben sie eines gemeinsam: Das jeweils im Mittelpunkt stehende Liebespaar darf einander nicht berühren. Warum aber gelang es einer dieser Serien, dem Twist charmanten Flirtcharakter zu geben, während bei der anderen schnell gähnende Langeweile einzog?

Postapokalyptische Sci-Fi vs. Fantasy-Märchen

„Dark Angel“ ist eine von James Cameron produzierte Science-Fiction-Serie, die von 2000 bis 2002 auf FOX lief. Sie bekam nur zwei Staffeln und wurde dann wegen sinkender Einschaltquoten abgesetzt. Die Serie spielt im Jahr 2019 im postapokalyptischen Seattle und erzählt die Geschichte von Max Guevara, einer im Labor gezüchteten Supersoldatin, die zusammen mit anderen Kindern flüchtete und sich seither als Fahrradkurier und Diebin durchschlägt. In der ersten Folge lernt sie den reichen und sehr idealistischen Journalisten Logan Cale kennen, dem sie im späteren Verlauf bei seiner Arbeit hilft.
„Pushing Daisies“ erschien einige Jahre später und wurde von 2007 bis 2008 bei ABC ausgestrahlt. Auch die märchenhaft angehauchte Fantasyserie brachte es nur auf zwei Staffeln, hier nahm der damalige Autorenstreik den Schwung raus, wodurch die sinkenden Einschaltquoten die Kosten nicht mehr rechtfertigten. Im Mittelpunkt steht der Kuchenbäcker Ned, der die ungewöhnliche Gabe besitzt, Tote durch seine Berührung wieder aufzuwecken, womit er seinem Detektivfreund Emerson bei der Arbeit hilft. So kommt es, dass er seine Kindheitsliebe Charlotte „Chuck“ wieder lebendig macht.
Logan: „That year we wasted, dancing around each other, afraid of actually admitting how we felt … If I had that time back …“

Andere Ausgangslage, anderer Umgang damit

Der auffälligste Unterschied im Handicap der beiden Liebespaare ist das Timing. Bei „Pushing Daisies“ können sich Ned und Chuck von Anfang an nicht berühren, und die Erklärung dafür ist elementarer Bestandteil des Plots: Ned weckt Tote mit einer Berührung auf und tötet sie mit der zweiten Berührung wieder. Als er also die ermordete Chuck zur Befragung aufweckt, steht er vor einem moralischen Dilemma und lässt sie leben – obwohl er weiß, dass er sie nie wieder berühren darf.
„Dark Angel“ setzt bei der Liebesgeschichte auf ein eher klassisches Erzählmuster. Max und Logan beginnen als Kollegen, werden über der gemeinsamen Arbeit Freunde und verlieben sich schließlich ineinander. Da man aber offenbar noch an die alte Fernsehregel glaubte, dass die Luft raus ist, sobald sich das Paar kriegt, verpasste man Max zum Start der zweiten Staffel ein Designer-Virus, das Logan bei Berührung tötet. Die vergebliche Suche nach einem Heilmittel führt in der Folge vor allem zu Frustration und viel Selbstmitleid.

Man muss sich nur zu helfen wissen

Das macht bereits deutlich, dass die Intention eine ganz andere ist, was sich auch darauf auswirkt, wie die Geschichte erzählt wird. „Dark Angel“ versteht das Virus als Hindernis, etwas, das es zu überwinden gilt, um das Ziel (eine Beziehung) zu erreichen. Tatsächlich aber reduziert sich die Verbindung zwischen Max und Logan damit auf das Sexuelle, denn weil sie einander nicht berühren können, gehen sie sich stattdessen aus dem Weg. Gleichzeitig ist die Produktion nicht sehr konsequent, so dass sie einander zuweilen bedrohlich nahe kommen, ohne dass es irgendwie adressiert wird.
„Pushing Daisies“ hingegen macht den Bug zum Feature und findet für sein verhindertes Liebespaar immer neue Wege der Intimität ohne Berührung. Zugegeben, das Genre mag durchaus eine Rolle spielen, der Grundton hier ist optimistischer und verspielter, aber dass Max und Logan die halbe Staffel brauchen, bis sie auf die Idee kommen, Handschuhe zu tragen, ist ein bisschen albern. In der Zeit haben Chuck und Ned schon durch Plastikfolie geknutscht und zwei Betten im selben Schlafzimmer aufgestellt. Vor allem aber suchen sie kontinuierlich die Nähe des anderen und machen ein Spiel draus.
Chuck: „I’d kiss you if it wouldn’t kill me.“

Prinzip Hoffnung statt Happyend

Bis heute ist „Pushing Daisies“ eines der schönsten Beispiele für eine Liebesgeschichte, die vom typischen Schema aus Meet Cute, Kuss, Sex abweicht und eigene Wege findet, die emotionale Verbundenheit seiner Protagonisten zu zeigen. Man muss aber auch betonen, dass die Romanze hier den Kern der Geschichte bildet, während sie bei „Dark Angel“ eben nur ein Subplot unter vielen ist. Dennoch ist es schade, dass die Autoren dort so viel weniger Fantasie bewiesen und das Virus lediglich als retardierendes Moment eingesetzt haben. Gerade wenn man die Serie am Stück schaut, fällt das heute sehr negativ auf.
Ironischerweise endeten damals beide Serien ohne „echtes“ Happyend für die Verliebten. Gemäß den in der Serie etablierten Regeln konnte es für Ned und Chuck keine Lösung geben, doch das Berühren war nie der springende Punkt und so sind sie am Ende trotzdem ein unkonventionelles, aber glückliches Paar. Bei „Dark Angel“ tritt die Liebesgeschichte zum Ende hin zugunsten des Plots etwas in den Hintergrund, doch auch hier wird ohne viele Worte angedeutet, dass sie es miteinander versuchen wollen. Und wenn sie nicht gestorben sind, fällt ihnen vielleicht irgendwann auch mehr ein als Handschuhe.