The Handmaid’s Tale | Late (1×03)

„No ice cream for you this month, young lady.“


Kaum scheint es möglich, dass June schwanger ist, wird sie von Serena mit Samthandschuhen angefasst. Spoiler!

They don’t want us leaving, that’s for sure

Während June von Serena verhätschelt wird, weil alle wegen ihrer verspäteten Periode an eine Schwangerschaft glauben, reflektiert sie über die schleichende Veränderung in der Gesellschaft, die sie in diese Lage gebracht hat. Derweil werden Ofglen und eine Martha, die ihre Geliebte war, des „Geschlechtsverrats“ angeklagt und verurteilt.

Kaum zu ertragen und dennoch fesselnd

Das war die vielleicht am schwersten zu ertragende Stunde einer Serie, die ich je erlebt habe, und gleichzeitig ist „Late“ eine Folge, von der man sich nur schwerlich abwenden kann. Ich schrieb bereits, dass die Buchvorlage von Atwood ganz subtil an unsere heutigen Verhältnisse angepasst wurde, was dazu führt, dass das Gezeigte sehr viel unmittelbarer und realer auf den Zuschauer wirkt. „The Handmaid’s Tale“ ist eine Serie, die einem Alpträume bereiten kann, weil alles so schrecklich plausibel scheint.

„It’s terribly hard and we must stay strong.“

Eine schleichende Veränderung

June erklärt, dass sie zu lange die Augen vor dem verschlossen haben, was in der Gesellschaft vorgeht. Erst sind es nur abschätzige Blicke auf allzu freizügige Sportkleidung, dann die auf mysteriöse Weise gesperrte Geldkarte, und ehe sie es richtig fassen kann, wird June zusammen mit ihren Kolleginnen auf die Straße gesetzt. Die Diskussion zwischen June, Luke und Moira kommt so im Buch nicht vor, ist aber enorm wichtig, denn sie unterstreicht die Tatenlosigkeit jener Männer, die etwas hätten tun können. Stattdessen verspricht Luke seiner Frau, dass er für sie sorgen wird – und es ist absolut nachvollziehbar, dass sich June dadurch sicherer fühlt, aber es ist auch der erste Schritt in eine Abhängigkeit, die sie überwunden glaubten. Und Frauen wie Moira, ungebunden und dazu noch lesbisch, haben nicht einmal diesen Luxus. Als sie sich schließlich erheben, ist es bereits zu spät, die Demonstranten werden einfach erschossen.

Geschlechtsverräter werden verstümmelt

Eine weitere Schicht der Grausamkeit erleben wir, als wir verfolgen, wie es Ofglen nach ihrer Festnahme ergangen ist. Dieser Teil der Geschichte wurde für die Serie komplett neu geschrieben, aber er liefert dringend nötigen Kontext, wo das Buch uns nur die Sicht von June schildern kann. In der letzten Folge hatten wir erfahren, dass Ofglen vorher Zellbiologin war, eine hochgebildete Frau, die an der Universität gelehrt hat. Aber wir erfuhren auch, dass sie lesbisch ist und eine Ehefrau hatte – „gerettet“ hat sie nur ihre Fruchtbarkeit, denn eigentlich werden Frauen wie sie in dieser neuen Welt als „gender traitor“ verachtet. Und diese Fruchtbarkeit rettet ihr auch diesmal das Leben, denn sie ist zu wertvoll, um sie wie ihre Geliebte einfach zu hängen. Die Alternative ist um so vieles schlimmer: Es wird nicht offen gesagt, aber es wird deutlich, dass ihr die Klitoris entfernt wurde, um sie gefügig zu machen.

„Things can get much worse for you.“

Serena und June

Wie bedeutsam Fruchtbarkeit geworden ist, wird an Serena deutlich, deren Verhalten gegenüber June sich schlagartig ändert, als die Möglichkeit einer Schwangerschaft im Raum steht. Ein Teil davon mag tatsächlich Sorge um das ungeborene Leben sein, in der Hauptsache aber ist es reine Berechnung. Serena hat gerade erst erlebt, wie sich Janine gegenüber der Ehefrau aufführt, die ihr Baby bekommen hat. Sie will sicherstellen, dass June ihren Platz kennt, weshalb ihre Stimmung auch erneut blitzartig umschlägt, als sie erfährt, dass sie nicht schwanger ist und lediglich spät dran war.

Kleine Beobachtungen

• Es ist furchtbar mitanzusehen, wie Janine immer mehr den Bezug zur Realität verliert. Sie hat ihrem Baby selbst einen Namen gegeben (Charlotte) und glaubt ernsthaft, der Kommandant werde mit ihr durchbrennen.
• Tante Lydias Reaktion, als June sich an das komplette Bibelzitat erinnert und Gottes Wort, mit dem sie unterdrückt wird, gegen sie wendet.
• Die „Gerichtsverhandlung“ von Ofglen und der Martha ist die reinste Farce. Und das, wozu Ofglen verurteilt wird, nennt sich dann auch noch großspurig „Erlösung“.
• Das emotionale Stück, das während der Demonstration gespielt wird, ist ein Mashup von Blondies „Heart of Glass“ und dem Violin Concerto von Philip Glass.

5 von 5 Bananen, die spät dran sind.

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