The Handmaid’s Tale | Holly (2×11)

„I’m sorry there is so much pain in this story. I’m sorry it’s in fragments, like a body caught in crossfire, pulled apart by force, but there is nothing I can do to change it. I’ve tried to put some of the good things in as well.“


June will die Gelegenheit nutzen und fliehen, doch noch während sie ihre Sachen zusammenpackt, setzen die Wehen ein. Spoiler!

Here I am, come and get me

Mitten in der Wildnis in der Villa auf sich allein gestellt, beginnt June, das Gebäude zu durchsuchen und findet in der Garage ein funktionstüchtiges Auto, mit dem sie fliehen will. Doch während sie noch Proviant zusammenstellt, tauchen Fred und Serena auf, die nach ihr suchen und sich gegenseitig die Schuld an allem geben. June versteckt sich, bis die beiden wieder verschwinden, weil sie glauben, dass sie und Nick längst über alle Berge sind. Doch bevor sie losfahren kann, setzen diesmal die richtigen Wehen ein.

Das ist Junes Geschichte

Was für eine bemerkenswerte Folge! „Holly“ besitzt einen geradezu kammerspielartigen Charakter – nicht nur, weil sie mit Ausnahme der Rückblenden ausschließlich auf dem Grundstück der MacKenzies spielt, sondern auch, weil sie sich vollständig auf June konzentriert. Selbst die Szenen, in denen Fred und Serena auf der Suche nach ihr durchs Haus streifen, erleben wir mehr oder weniger aus Junes Sicht. Eine kinematografische Entscheidung, die widerspiegelt, wie sie eine Erfahrung für sich selbst beansprucht, die ihr Gilead sonst mitsamt dem Baby genommen hätte.

„I keep going with this limping and mutilated story because I want you to hear it, as I will hear yours too, if I ever get the chance, if I meet you too or if you escape in the future or in heaven. By telling you anything at all, I’m believing in you. I’m believing you into being. By telling you this story, I’m willing you into existence. I tell, therefore you are.“

Stärke statt Angst

Und noch etwas äußerst Spannendes passiert hier mit June: In einer Situation, in der es leicht gewesen wäre, sie hilflos und ängstlich zu zeigen, erleben wir stattdessen eine Frau, die innere Stärke findet. Eine bewusste Entscheidung, wie man hier nachlesen kann, denn es ging gerade darum, eine realistische Geburt zu zeigen – und die Kraft, die daraus resultiert. June verlässt sich auf alles, was sie in der Vergangenheit gelernt hat, und hört auf ihren Körper.

June stiehlt Serena ihre Geburtszeremonie

Auch wenn sie sich vorher bemerkbar macht, weil sie sich dessen bewusst ist, dass ihr Baby medizinische Versorgung braucht, stellt die Geburt von Holly einen Akt der Rebellion dar. Denn wenn es nicht schon vorher offensichtlich war, so hat Serena spätestens in ihrem Streit mit Fred sehr deutlich gemacht, dass es ihr nicht hauptsächlich darum geht, ein Baby zu haben, sondern darum, eines zu bekommen. Es geht ausschließlich um sie, und genau deshalb ist diese alberne Geburtszeremonie auch so wichtig für die Ehefrauen und Serena im besonderen. Genau um die aber hat June sie nicht nur einmal, sondern gleich zweimal gebracht. Wahrscheinlich ist es ein Segen, dass June den Waterford-Haushalt gleich nach der Geburt verlassen soll, denn Serena würde nicht im mindesten davor zurückschrecken, ihr das Leben noch einmal deutlich schwerer zu machen als bisher schon.

Der Rat einer Mutter

Die Flashbacks konzentrieren sich diesmal auf die Geburt von Hannah, die unter gänzlich anderen Bedingungen im Krankenhaus stattfand. Natürlich ist es glatte Ironie, dass sie damals nicht auf ihre Mutter hören und in ein Geburtshaus gehen wollte, um stattdessen lieber auf Ärzte und Schmerzmittel zu vertrauen. Nichts davon hat sie diesmal, und erst jetzt weiß sie die Worte ihrer Mutter zu schätzen, erst jetzt ergeben sie Sinn und helfen ihr. In gewisser Weise bedeutet diese Folge deshalb auch einen Abschluss des Konflikts zwischen Mutter und Tochter. Zumindest June hat endlich ihren Frieden mit ihr gemacht und benennt ihre Tochter nach ihr: Holly.

Fred: „If you’d shown that girl one ounce of kindness, she would never have left!“
Serena: „Kindness? You raped her yesterday.“
Fred: „That was your idea! I did this to fix your mess.“
Serena: „You sent her out here with the father of her baby to see her daughter. What did you think was going to happen? That she was going to go home and thank you? You are such a fucking idiot.“
Fred: “Fuck. When did you become such a fucking bitch?!“

Eine hasserfüllte Ehe

Über Fred und Serena brauche ich an dieser Stelle eigentlich kaum Worte zu verlieren. Es geht ihnen beiden nicht um Junes Wohlergehen oder selbst das des Babys, sondern zuerst und vor allem um die Außenwirkung. Sie konnten vielleicht einmal behaupten, June sei gekidnappt worden, aber sicherlich nicht zweimal. Und welch eine Farce diese Ehe wirklich ist, war nie offensichtlicher als in dem Streit, den June belauscht. Diese zwei Menschen hassen einander mit einer solchen Inbrunst, dass es ein echtes Wunder ist, dass sie sich noch nicht gegenseitig umgebracht haben. Ein Kind in diesen Haushalt zu bringen, grenzt an Misshandlung.

Kleine Beobachtungen

• Der Wolf ist ebenso sehr Erinnerung an die Gefahren, die im Wald lauern, wie er ein Symbol ist. Statt sich von ihm einschüchtern zu lassen, nimmt June ihn sich zum Vorbild.
• Dieser kurze Augenblick, als June im Auto das Radio einschaltet und hört, dass es wirklich noch eine „normale“ Außenwelt gibt, die sich um Menschen wie sie sorgt.
• Hier und da meinten ein paar Reviewer, dass sie an Junes Stelle Fred und Serena erschossen hätten. Ich möchte widersprechen: Die meisten Menschen sind dazu nicht einmal dann in der Lage, wenn es um ihr eigenes Überleben geht. (Und das ist gut so.)
• Okay, es ist offensichtlich, dass June all das ihrer Tochter erzählt, aber in welchem Kontext? Margaret Atwoods Roman endet damit, dass wir erfahren, dass June irgendwie aus Gilead entkommen ist und ihre Geschichte auf Kassette aufgezeichnet hat. Es wäre nur passend, wenn auch die Serie so endet.

4 ½ von 5 auf sich allein gestellten Bananen.

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