The Handmaid’s Tale | Women’s Work (2×08)

„Someone once said: ‘Men are afraid that women will laugh at them. Women are afraid that men will kill them.’ We should have known better.“


Baby Angela wird krank, doch der einzige Arzt, der vielleicht helfen könnte, ist ausgerechnet eine Martha. Spoiler!

We cannot question the will of God

Kaum, dass Serena und June über ihrer gemeinsamen Arbeit miteinander warm geworden sind, wird Fred aus dem Krankenhaus entlassen und kehrt heim. Obwohl er keinen Zweifel daran lässt, wer der Herr im Haus ist, wagt Serena einen Vorstoß, als Angela, das Baby der Putnams, schwer erkrankt und nur eine berühmte Neonatologin noch helfen könnte, die mittlerweile jedoch eine Martha ist. June setzt sich derweil dafür ein, dass auch Janine ihr Baby wiedersehen und sich von ihm verabschieden kann.

Liebe und Geborgenheit

Es wäre leicht, diese Folge von „The Handmaid’s Tale“ auf die fast ein wenig zu gefällige Aussage zu reduzieren, dass nur die Liebe der leiblichen Mutter Baby Angela retten konnte. In Wahrheit aber steckt hinter diesem Wunder eine sehr viel umfassendere Weisheit, die mehr denn je entlarvt, wofür Gilead steht. Wenn Serena ihr Handeln vor Fred damit rechtfertigt, dass es um das Wohl des Kindes ging, und ihn anschließend fragt, ob es etwas Wichtigeres auf der Welt geben könne, lautet Freds schlichte Antwort: „Obeying your husband.“ Es geht ausschließlich um Macht (ein Thema, auf das ich später noch eingehen werde), die Kinder sind dafür lediglich Tarnung.

Und genau hier kommt Janine ins Spiel. Sie liebt ihr Kind bedingungslos und unabhängig der Umstände, unter denen es gezeugt wurde. Für Naomi Putnam auf der anderen Seite ist Angela nichts als eine Pflicht, etwas, was die Gesellschaft von ihr erwartet. Und es geht dabei explizit nicht um leiblich oder adoptiert. Weil die Männer in Gilead das Sagen haben, wurde über den Kopf der Ehefrau hinweg entschieden, dass sie ein Kind haben muss, um ihren „gesellschaftlichen Zweck“ zu erfüllen. Wir wissen zu wenig über Naomi, um über sie urteilen zu können, aber wir haben bei mehr als einer Gelegenheit gesehen, dass sie Angela stets nur als Ärgernis betrachtet hat. Vielleicht sind es allein die Begleitumstände, die sie unfähig machen, dieses Baby zu lieben. Vielleicht wäre sie in einer anderen Welt als dieser aber auch einfach eine Frau, die sich bewusst gegen Kinder entscheidet. Beides ist absolut nachvollziehbar, darf in Gilead aber nicht sein.

Serena: „How dare you give up!“
Dr. Hudson: „Mam, we have done a very extensive evaluation. There are no anatomic, infectious, or metabolic conditions that explain this baby’s condition.“
Serena: „You are supposed to be the best in your field.“
Dr. Hudson: „I am the best. Or was. All we can do for Angela is unhook her from all those machines. Help her feel safe and warm. And pray.“

Die männliche Perspektive

Was uns zu Fred und seinem kleinen Höhenflug bringt. „The Handmaid’s Tale“ ist in letzter Konsequenz immer eine Serie über Frauen, was oft dazu führt, dass das Handeln der Männer ohne Erklärung bleibt und nicht selten völlig irrational wirkt. (Ein Effekt, der zweifellos gewollt, aber irgendwie auch ein billiger Trick ist.) Doch was geht wirklich in Freds Kopf vor? Durch die Rückblenden wissen wir, dass er und Serena einander vor Gilead intellektuell mindestens ebenbürtig waren. Tatsächlich hatte ich sogar ein wenig den Eindruck, als habe damals eigentlich Serena in der Beziehung die Hosen angehabt. Fred kann gar nicht so blöd sein, wirklich an das zu glauben, was die Gesetze Gileads behaupten: dass Frauen per se weniger wert sind als Männer. Was also ist geschehen zwischen jenem Moment (2×06), als Serena ihm sagte, er solle endlich ein Mann sein, und heute, wo er lieber ein Kind sterben lässt als eine (offensichtlich mehr als fähige) Frau die Behandlung übernehmen zu lassen?

Sein konkretes Verhalten in „Women’s Work“ ist indes recht durchschaubar und gründet schlicht auf Eifersucht. Wir wissen nicht, wie lange er tatsächlich abwesend war, aber ihm entgeht nicht, dass sich die Beziehung zwischen Serena und June in dieser Zeit gewandelt hat. Dass er, obwohl er das Oberhaupt dieses Haushalts sein sollte, in der Realität ziemlich überflüssig ist. Jene kurze Szene, in der er in Junes Zimmer geht und die weiße Rose sieht, die Serena ihr geschenkt hat, mag auf den ersten Blick nichtssagend sein, drückt jedoch einen Respekt aus, der seine Stellung in Gefahr bringt. So wenig er möchte, dass die beiden Frauen einander an die Kehle gehen, weil das „schlecht aussieht“, so wenig will er, dass sie Freundinnen werden und ihn damit ausschließen. Deshalb züchtig er Serena nicht einfach nur, sondern stellt auch sicher, dass June dabei zusieht.

„We do our work in the evening. She writes; I read. This is the new normal, and an offense to God. In another life, maybe we could have been colleagues, but in this one, we’re heretics. I was already on the naughty list – an adulteress, a fallen woman as Aunt Lydia used to say. But this is new territory for Serena, I think. How does she feel about falling? She seems pretty fucking happy.“

Serena sorgt sich nur um eine Frau: sich selbst

Ich tue mich nach wie vor schwer damit, in Serena eine potenzielle Verbündete für June oder die anderen Mägde zu sehen, auch wenn viele zu erwarten scheinen, dass sie am Ende die Seiten wechseln wird. Die kleinen Gesten der Freundlichkeit sind jedoch nicht mehr als das: Gesten. Wenn Serena June die Musikbox wiedergibt, ist das realistisch betrachtet sogar ziemlich herablassend, wenn man berücksichtigt, dass sie gerade erst ihre Fähigkeiten als Lektorin in Anspruch genommen hat. Serena ist Fred sehr viel ähnlicher, als sie und offensichtlich auch etliche Zuschauer wahrhaben wollen. Sie hat nicht das geringste Interesse daran, den Mägden und Marthas zu helfen – wenn dem so wäre, hätte sie jetzt die Chance gehabt. Ihr geht es ausschließlich um ihr eigenes Leben, um ihre Einschränkungen, ihre Macht. Und das ist sogar wesentlich spannender, als wenn sie einfach nur Teil der Revolution würde, denn es eröffnet der Serie die Möglichkeit, die Vielschichtigkeit weiblicher Persönlichkeiten zu erforschen. Das schließt übrigens nicht aus, dass Serena June trotzdem noch von Nutzen ist.

Die unsichtbare Ehefrau

Eine ganz andere Geschichte ist freilich Eden. Die Art und Weise, wie ihre Nutzlosigkeit immer wieder schmerzhaft in den Vordergrund gerückt wird, lässt darauf schließen, dass ihr noch eine wichtigere Rolle zufällt. Immerhin fällt auf, dass die anderen ihre Anwesenheit zuweilen zu vergessen scheinen, was ihr eine unerwartete Freiheit gibt. Keine der Mägde dachte sich etwas dabei, als sie in „After“ ihre Namen austauschten, während Eden genau daneben stand. Und selbst Nick, der wissen muss, wie sehr sie indoktriniert ist, ignoriert sie genau so lange, bis sie die gefährlichen Briefe bei ihm findet, die er offenbar vor Junes kleinem Ausbruch in „Seeds“ gerettet hat. Die Frage lautet vermutlich nicht, ob sie die Briefe gelesen hat, sondern ob sie überhaupt lesen kann. (Es besteht wohl kein Zweifel daran, dass in Gilead nur noch die Jungs eine Schulausbildung erhalten, während die Mädchen daheim brav kochen und nähen lernen.)

Kleine Beobachtungen

• Ich fand es interessant, wie sehr betont wird, dass Serena und June nicht einfach nur zusammenarbeiten, sondern es sich in Freds Büro mit Tee und Musik richtig gemütlich machen. Eine Normalität im Umgang miteinander, die den Frauen Gileads abhanden gekommen ist.
• Janines „may the force be with you“ als Antwort auf Junes „blessed be the fruit“ dürfte der witzigste Moment der Serie gewesen sein. Inklusive der anschließenden Diskussion über „Alien“.
• Die schönste Szene war allerdings Janine, die in Unterwäsche, mit wallenden roten Locken am Fenster sitzt und ihrem Baby vorsingt.

5 von 5 todkranken Bananen.

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