The Handmaid’s Tale | Smart Power (2×09)

„You have a simplistic impression of my country, Mr. Bankole. We all know the media doesn’t care much about the truth these days.“


Fred und Serena treten zu Verhandlungen mit Kanada an, doch der Gegenwind dort bläst stark. Spoiler!

Well, you don’t want a cigarette, maybe a new life?
Fred und Serena reisen nach Kanada, und June nutzt die Gelegenheit, um sowohl Rita als auch Tante Lydia als künftige Patinnen ihres Babys zu gewinnen, die es vor den unberechenbaren Waterfords beschützen sollen. In Kanada läuft zunächst alles gut, doch Luke mischt sich unter die Demonstranten und beschimpft Fred in aller Öffentlichkeit als Entführer und Vergewaltiger. Nick nutzt die Gelegenheit und spielt Luke anschließend in einer Bar die Briefe der Mägde zu.

Serena, die starke schwache Ehefrau
Einmal mehr legt „The Handmaid’s Tale“ in dieser Folge den Fokus auf Serena. Nachdem sie von ihrem Ehemann gedemütigt und verprügelt wurde, muss es für sie wie blanker Hohn klingen, wenn Fred sie bittet, ihn nach Kanada zu begleiten, um als Beispiel einer „starken Ehefrau Gileads“ zu dienen. Und wie wenig ihr ihr ohnehin fraglicher Einfluss außerhalb der Grenzen Gileads bringt, wird ihr ziemlich schnell bewusst, als ihr das Programm für ihren Aufenthalt ausgehändigt wird, der ausschließlich aus Bildern besteht (ein Szene übrigens, bei der ich laut auflachen musste). Wie stark kann eine Frau schon wirken, wenn sie nicht einmal einen simplen Programmplan lesen darf?

Und doch schlägt sie das Angebot des amerikanischen Botschafters aus, überzulaufen und ihre Geschichte zu erzählen. Warum, ist schwer zu verstehen. Es kann kaum die Liebe zu Fred sein, denn dieser Zug ist wohl schon lange abgefahren. Die Stellung in ihrem eigenen Haushalt und in der Gesellschaft Gileads ist ebenfalls ein geringer Preis für die Freiheit, tun und lassen zu können, was sie möchte. Ist es am Ende wirklich nur das Wissen um das Baby, das bald ihres sein wird? Ist Serena so unfähig, das große Ganze zu sehen und vor allem zu erkennen, dass das Projekt Gilead zum Untergang verurteilt ist, nachdem die Amerikaner herausgefunden haben, dass es mitnichten die „sündigen“ Frauen sind, die Schuld am Geburtenrückgang tragen, sondern – owe! – die unfruchtbaren Männer? Oder denkt sie gar, dass sich schon alles zum Guten wenden wird und sie nur abzuwarten braucht?

„This trip is for the baby. We’re building his future. You’re a crucial part of that. The Canadians think women here are oppressed, that they’re voiceless. I need you to show them a strong Gilead wife.“

Die wahre Geschichte Gileads
Am Ende ist es nicht an Serena, die Geschichte zu erzählen, sondern an den vielen Mägden, deren Briefe Nick endlich nach Kanada geschmuggelt hat. Es ist ein sicherlich bewusst gesetztes Ausrufezeichen, wenn die Vertreter der kanadischen Regierung die Gespräche mit Gilead abbrechen und erklären: „We believe the women.“ Weil das ein Satz ist, der auch heute nur selten über die Lippen derer kommt, die Frauen eigentlich vor Vergewaltigung und Missbrauch schützen sollten.

So emotional wichtig dieser Moment für die Serie also auch ist, umso schwieriger ist er im Kontext der Erzählung zu sehen. Eine nicht unerhebliche Menge von Frauen konnte aus Gilead fliehen, und einige darunter – wie zum Beispiel Erin – wurden auch als Mägde eingesetzt. Moira wurde zur Prostitution gezwungen. Welche Rolle haben ihre Geschichten gespielt? Es kann mir doch keiner erzählen, dass die Öffentlichkeit nicht längst wusste, was in Gilead vor sich geht, es gab genug Augenzeugen, die ganz sicher nicht alle geschwiegen haben! Dass erst die Briefe das Blatt wenden, ergibt keinerlei Sinn und zeigt, dass hier leider die Logik der Story einer emotionalen Schockwirkung untergeordnet wurde.

Unterschiedliche Strategien
Obwohl June weiterhin eine Gefangene ist, stellt sie in „Smart Power“ einen interessanten Gegenpol zur vermeintlich freien Serena dar. Wo Serena die unter ihr unterdrückt und mit irrationalem Hass regiert, handelt June klug und berechnend. Sie erzählt Lydia von Serenas Plänen, sie sofort wegzuschicken, nachdem das Baby geboren wurde, und lässt dabei gerade genug über die Verhältnisse der Waterfords durchblicken, dass Lydia sich sorgt und ihr indirekt zu verstehen gibt, dass sie einen strengen Blick darauf haben wird, wie Serena und Fred mit dem Baby umgehen.

Wesentlich interessanter aber ist, dass Serena vermutlich erst jetzt bewusst wird, dass June, obwohl ihr wirklich alles genommen wurde, immer noch mehr hat als sie selbst. Als Luke Fred angreift und dabei ein Familienfoto von sich, June und Hannah hält, kann sie ihren Blick kaum davon lösen. June mag gefangen sein, aber sie hat immer noch jemanden, der für sie kämpft – etwas, was Fred nie für sie tun würde.

„I know I should accept the reality of you being born here, but fuck that.“

Die zwei wichtigsten Männer in Junes Leben
Ein weiteres Highlight dieser Folge ist die Begegnung zwischen Luke und Nick. In gewisser Weise ist es die klassische Dreiecksgeschichte, wessen sich allerdings in dem Moment nur Nick bewusst ist. Die Entscheidung, ob es reiner Selbstschutz ist, dass er sich lediglich als „Freund“ von June vorstellt und die Wahrheit über die Vaterschaft ihres Babys verschweigt, oder ob er schlicht weiß, dass sie vor wichtigeren Herausforderungen stehen, bleibt dabei jedem selbst überlassen.

Bemerkenswert ist, dass Nick später, wenn er June von der Begegnung erzählt, nichts verschweigt. Er gibt Lukes Botschaft fast Wort für Wort wieder, auch wenn das bedeutet, sie der Liebe eines anderen Mannes zu versichern. Es ist kein Zufall, dass er ihr anschließend erneut auch seine Liebe gesteht, worauf June (ebenfalls erneut) nichts antwortet. Ich schrieb irgendwann im Verlauf der ersten Staffel einmal, dass ich nicht glaube, dass June und Luke noch eine gemeinsame Zukunft haben, weil sie gänzlich unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und Luke niemals wirklich wird begreifen können, was June angetan wurde. Aber vielleicht habe ich mich getäuscht, vielleicht ist genau das die Heilung, die sie am Ende benötigt. Das Wissen um Lukes Liebe gibt ihr jedenfalls die Kraft, ihren Kampf wiederaufzunehmen.

Kleine Beobachtungen
• Serenas sehnsüchtiger Blick aus dem Autofenster auf das normale Leben der Kanadier sagt mehr als jedes ihrer Worte.
• Und wie cool war eigentlich der Diplomat, der vor Fred demonstrativ seine Ehemann erwähnt?
• Wann kriegen wir endlich einen Rückblick auf Tante Lydias Leben vor Gilead? Sie erwähnt, dass sie schon einmal Patin eines Kindes war, das gestorben ist. Ihr „it wasn’t my fault“ schreit nach einer Geschichte!

5 von 5 Bananen-Piktogrammen.

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